Die Kokotten, Horizontalen, Halbweltlerinnen, Viertels- und Achtelsweltlerinnen, alles Weibliche, was aus der Liebe eine Erwerbsmöglichkeit macht, ist in der französischen Literatur in Romantik und Tragik getaucht, von Manon Lescaut über die Kameliendame, Nana, Sapho, Boule de Suif bis herauf zu den letzten Heroïnen des Boulevard. Alle Federn warben für sie um Mitleid und Verzeihung.
In Amerika hat eine Frau an Stelle des Mitgefühls den Humor gesetzt. Einen grausamen Humor, kalt wie eine Hundeschnauze. Wir sprachen in der Zeitung kürzlich von dem Roman, der gemeint ist: „Gentlemen prefer Blondes“, von Anita Loos, Tauchnitz-Verlag.
Humor wird bisweilen als ein Exsudat reifen Alters aufgefaßt. Das gilt mehr vom englischen Humor. Andre reden davon als von einer Begleiterscheinung der Jugend, womit dann der amerikanische Humor gemeint ist. Nicht mehr der Humor Mark Twain’s. Sondern das Allerneueste von Humor, wie es eben in dem Buch von Anita Loos ausgegossen ist. Unsere brave, altfränkische Europäerseele schaudert bei der Vorstellung, daß eine Frau so über Frauen schreiben kann.
Der Hochstapler und Salondieb hat seine Periode der Verherrlichung schon erlebt. Raffles hat von allen Bühnen der zivilisierten Welt Frauenherzen erobert.
Jetzt scheinen wir auch die Ehrenrettung Phryne’s und ihres Gefolges durch den Humor. wie gesagt, erleben zu sollen.
Anita Loos hat für ihr Buch die Form gewählt, die ihrerseits keinerlei Parteinahme und Verantwortlichkeit bedingt: das Tagebuch.
Eine junge Amerikanerin hat den Verführer, der sie sitzen ließ, „voll Blei gepumpt“, wie sie drüben malerisch sagen, ist glatt freigesprochen worden und erzählt, wie der König der Knopfbranche für ihre Bildung sorgt. Er schickt sie auf Reisen, mit Schecks bepicht, und sie erlebt allerlei, was dem Leser über ihr Liebesleben und ihren Charakter sehr klaren Wein einschenkt.
Der amerikanische Heuschreckenflug nach dem Kontinent herüber hat zwischen zwei Kulturen eine Fühlung hergestellt, die zu mancherlei Reaktionen führen mußte. Hier sind einige davon in ergötzlicher Übertreibung angeführt. Es ist immer interessant, zu beobachten, was dem Fremden auf Anhieb an einem neuen Kulturganzen auffällt. Der Trierer, der nie in Luxemburg war, wird hier vor allen Dingen durch die französischen Firmenschilder frappiert sein. Die jungen Amerikanerinnen, die nach Paris kommen, finden es äußerst sonderbar und komisch, daß sich die Männer um den Hals fallen und abküssen. Sie bekommen mit einem Pariser Advokatenpaar, Vater und Sohn, zu tun, die anhaltend gerührt sind und einander anhaltend in den Armen liegen. Dazu bildet es dann einen grausamen Kontrast, daß diese Verteidiger der Witwen und Waisen mit den amerikanischen Millionärsmätressen zusammen den ausgemachtesten Schwindel treiben. Man darf bei Anita Loos voraussetzen, daß sie an den Franzosen Revange nehmen will für allerhand literarische und journalistische Unbill, die ihren Landsleuten in Frankreich zugefügt wurde. Das kommt davon, wenn der Dollar so hoch steigt und das Leben in Paris so herrlich und so billig ist.
Das Buch „Gentlemen prefer Blondes“ wird Schule machen. Was Anita Loos gewagt hat, werden andre wagen, noch deutlicher, gröber, erotisch betonter. Und Ihr werdet sehen, aus den heitern Regionen des Humors wird das Lied von der Kokotte wieder in die dunstigen Niederungen der Sentimentalität gleiten. Schade.