Original

22. Januar 1927

Wir denken an die Zeit vor den Eisenbahnen ungefähr wie an das sogenannte finstre Mittelalter. Wir können uns nur schwer in die Vorstellung hineinversetzen, daß es im Luxemburgischen einmal keine Eisenbahnen gab.

Noch paradoxer vielleicht klingt es, wenn ich sage: Es gab einmal eine Zeit, wo es in Luxemburg keine Maler gab, wo ein Maler als ein Phänomen galt, als etwas wie ein Mensch mit dem zweiten Gesicht, oder wie ein Wünschelrutengänger. Wie! Hier, wo heute schon soviele Maler sind, daß es zu einer Sezession langte, wo jeden Tag ein neuer auftaucht und es besser kann, als die vor ihm, hier soll es vor fünfzig Jahren keinen Maler gegeben haben!

Doch, das Unglaubliche ist wahr. Vor fünfzig Jahren ungefähr war das Kunstmalen unter uns eine so unerhörte Beschäftigung, daß ein junger Mann, der es sich berufsmäßig angewöhnen wollte, angestaunt wurde wie eine Erscheinung. Wenn man damals Maler sagte, so dachte man: Raphael. Der war einmal vor langen Jahren Maler gewesen, dann waren noch ein paar andere gekommen, die sich zur Not durchgeschlagen hatten, aber einen eigentlichen Maler hatte es außer ihm wohl kaum gegeben. Ein Maler, das war so etwas wie ein Gezeichneter, ein vom Dämon Besessener, der nicht anders konnte, ein Erleuchteter, den man bewundern und bedauern mußte, eine männliche Jungfrau von Orleans mit Stimmen und Erscheinungen.

Der erste, von dem der Schall durchs Land ging, daß er ein Maler sei, war natürlich der Frantz. Michel Engels malte auch, aber er war Professor, er war nicht der vom sichern Gestade des gutbürgerlichen Berufs Abgetriebene, der so heftig malen mußte, daß er davon leben konnte. Es mögen an die fünfzig Jahre her sein, da liefen die Leute in Grevenmacher aufgeregt zu einer Ausstellung, in der einer von ihnen Bilder ausgestellt hatte, Bilder in Ölfarben, mit der Hand gemacht, von einem wirklichen Maler, einem Grevenmacherer Kind, kurzum, von Frantz Seimetz.

Und dann tauchte der andere auf, der auch vom Malerdämon besessen war, der Fenny d’Huart. Er eines Tages mit seiner Staffelei vor der Quirinus Kapelle. In der Umgegend ging das Gemurmel. Da ist einer, der die „Greinskabell“ malt. Wie Die Greinskabell! Das alte Gelärch! Wie malt er sich denn? Alle verstanden es so, daß er die Kapelle mit Schablonen ausmalte. Inzwischen saß der Fenny still lächelnd an seiner Staffelei und konterfeite die historischste unserer Stätten. Und von der Passere aus sahen ihn die Leute sitzen und sahen ihm schüttelten den Kopf und sagten, das müsse am Ende ein Maler sein! Raphael! Sie hatten in Paris, in Brüssel, in Berlin, London, vielleicht gar in Amerika die Nähe wirklicher, menschlich materialisierter Maler zu spüren gemeint, hatten nach den Bildern geschlossen, daß auch Maler vorhanden sein müßten, oder daß es die Sorte auch in Luxemburg geben könnte, hatten sie bisher nicht in Erwägung gezogen. Es war ungefähr so, wie wenn heute täglich ein Flugzeug vom Knodlergarten aufstiege.

Wer es nicht glaubt, dem erzähle ich folgende wahre Geschichte:

Um 1885 oder 1886 herum saß Frantz Seimetz im Luxemburger Stadtpark, unweit der Villa Metz, und malte die Doppelreihe alter Eschen, die vor dem großen Rasenplatz entlang stehen. Auf einmal klopft ihm jemand auf die Schulter, er blickt sich um und sieht einen ältern Herrn im schwarzen Gehrock mit einem eisengrauen Backenbart und großen Brillengläsern, der ihn scharf ins Auge faßt und ihm auf Hochdeutsch Komplimente über seine Malerei macht. Ein wenig später stellt er sich als der Nationaldichter Michel Lentz vor. Und da fragt ihn der Frantz wieso er, der luxemburger Nationaldichter, komme, einen Landsmann auf hochdeutsch anzureden.

„Ja,“ sagt darauf Michel Lentz, „ich habe nie gehört, daß wir im Land auch schon einen Maler hätten.

Und heute!

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    Katalognummer BW-AK-015-3349