Die vierte Nummer des Verbandsorgans unseres Musikersyndikates mit dem Titel „D’Musek“ liegt vor mir.
Es ist daraus zu entnehmen, daß unsere Musiker aus allen Kräften darnach streben, als Privatbeamte angesehen zu werden.
Teilweise haben sie ihre Forderung schon durchgesetzt, teilweise sind in ihrem Arbeitsverhältnis nicht die Vorbedingungen dazu gegeben, daß das Privatbeamtengesetz auf sie Anwendung finden könnte.
Wie dem auch sei, sie sind zur Bildung und Erstarkung ihres Syndikats zu beglückwünschen. Sie sind auf dem Musikmarkt nicht mehr vogelfrei, nicht mehr dem Schwitzsystem schutzlos und bedingungslos preisgegeben. Sie müssen angehört werden, wenn über den Preis ihrer Ware, ihrer Arbeit, verhandelt wird und brauchen sich nicht mehr ohne Rekurs feden Hungerlohn gefallen zu lassen.
Es spricht auch für sie, daß sie sich voll bewußt sind, mit der Bildung ihres Syndikats, mit ihrem Zusammenschluß, der das Angebot sozusagen monopolisiert, auch Pflichten gegenüber ihren Anstellern übernommen zu haben. Wer sich künftig etwas will aufspielen lassen, weiß, daß er mit verläßlichen Leuten verhandelt. Er weiß, was er kauft, was es ihn kosten wird, und daß ihm das Zugesagte auch richtig und vollwertig geliefert wird. Denn das wird für unser Musikersyndikat das beste, das einzig sichere Mittel sein, Vertrauen und damit Sympathie zu gewinnen.
Einerlei, es ist doch allerhand, daß sogar die Musiker jetzt das dringende Bedürfnis empfinden. Beamte zu werden. Wie weit, o du lieber Augustin, von deinen sorglosen Tagen und Nächten, wo du sangest: Frau is weg, Geld is weg, Augustin liegt im Dreck, o du lieber Augustin, alles ist hin!
Ach ja, das waren die Zeiten, wo die Musiker noch Musikanten waren, leichten Sinns und leichten Beutels, nie auf das morgen, kaum auf das heute bedacht. Dafür lag aber auch das böse Krokodil des Lebens immer auf der Lauer, um sie zu verschlingen. Ihr kennt ja die Geschichte: Ein lust’ger Musikante - Marschierte einst am Nil - Da kroch aus dem Wasser - Ein großes Krokodil - Das wollt’ ihn gar verschlingen usw. Aber der lust’ge Musikante machte sich lustig sogar über das große Krokodil. Und darum sagte einer, der von Musik auch etwas verstand: „Et aß nach keen erhengert - Den sei Strament zergutzt gefengert.“ Die Chronik weiß von allerhand Musikanten, die mit ihrer Kunst dem Leben und dem Tode Schnippchen schlugen. Mir fällt grade die lehrreiche Geschichte vom armen Geigerlein ein, der nachts in die Wolfsgrube gefallen war und den Isegrim mit seiner Fiedel im Schach hielt, bis der Tag graute und Hilfe kam. Und das Geigerlein von Gmünd, dem die Muttergottes ihren goldnen Schuh zuwarf, zum ersten und zum zweiten Mal, um ihn erst vorm Hunger und dann vorm Galgen zu retten. Und unser Veit von Echternoch, der dem Strick des Henkers entging, indem er aus seiner Geige die Töne zog, von denen die Leute so verrückt wurden, daß sie bis auf den heutigen Tag ihm zu Ehren jede Pfingsten durch die Stadt tanzen!
Als die Musiker noch Musikanten waren, war einer Musikant, aber er wurde es nicht.
Heute wird einer Musiker, wie er Ingenieur, Arzt, Advokat oder Bankier wird. Alles lernt sich. Und so kann es passieren, daß einer, dem der Herr kein Musikantenherz, aber einen Mathematikerschädel gegeben hat, auf Musiker studiert und nachher ein berühmter Mann wird. Weil nämlich heute so viele Leute die Musik nicht mehr mit dem Herzen, sondern mit dem Hirn genießen.
Aber trotz allem wird es unter den Musikern immer wieder Musikanten geben, solche, die einfach nicht anders können, die Besessenen, die „lieben Augustine“, aus denen Musik strahlt, wie Licht aus der Flamme, die Radiumträger, denen wieder Schwingungen entzittern, die für Geschlechter vorhalten müssen, und von denen dann die Auchmusiker zehren, bis wieder ein Gottbegnadeter sie zum Tempel hinausjagt.