Original

25. Januar 1927

Das Gesicht ist der Sinn, mit dem wir von der Welt Besitz ergreisen.

Neun Zehntel der Welt lassen sich genießen, ohne daß wir sie zu besitzen brauchen. Bei unzähligen Gütern, die wir durch das Auge genießen, ist der Besitz nur Belastung. Ein schöner Park kostet Hunderttausende und was hat sein Besitzer mehr davon, als der Landstreicher, der über die Mauer guckt, so oft er Lust hat, und sich an den spiegelnden Weihern, den roten Geranienbeeten, den Rasenflächen und den raffiniert gestellten Baumgruppen freut, ohne denken zu müssen, was er morgen dem Gärtner und seinem Gehilfen und übermorgen dem Steuereinnehmer bezahlen wird.

Das Kino ist Multiplizierung dieser Besitznahme. Das ist seine Rolle. Wo es sie erfüllt, ist es eine Wohltat für die Menschheit.

Millionen stürben, wie sie früher gestorben sind, ohne das Meer, ohne die Alpen, ohne Paris, ohne den Schwarzwald, ohne Amerika und die andern Weltteile, ohne die Erde aus tausend Meter Höhe, ohne einen flüchtenden Hirsch gesehen zu haben. Ohne die Schönheit gesehen zu haben, mit der die Natur den Körper des Menschen umgossen hat. Wenn das Kino nicht wäre.

Diese Tage brachten uns ein paar Filme, die diese Wahrheiten predigen. Barsüßele: Schöne Menschen, schöne Landschaft, reizende Musil. Bauchrednerkünste. Im Saal singt es, und auf der Bühne agieren sie dazu und die Lippen bewegen sich, als seien sie die Quelle jenes Wohllauts. Die vollkommene zeitliche Übereinstimmung von Klang und Bewegung ist dadurch ermöglicht, daß auf der Leinwand in einem winzigen Rund der taktschlagende Kapellmeister mit gefilmt ist, der die Aufnahme dirigierte, wo die Darsteller wirklich sangen. Man freut sich an den herrlichen Naturbildern aus Feld und Straße und Stube, an dem klaren Wässerlein, an der Renchtalstimmung, die darüber liegt, an der Auerbach’schen Bravheit der Menschen, die eine Art schwarzwälder Gegenstück zu jenem lieben, treuen Abbé Constantin bilden, wo sie sich am Ende auch kriegen und jedermann unglücklich wäre, wenn sie sich nicht kriegten.

Kraft und Schönheit. Ja, Kinder, das war ein Wagnis. Aber es war notwendig. So notwendig war es uns, wie uns die Wahrheit notwendig ist. Unsere ganze äußere Kultur ist in bezug auf uns selbst, unsere Körperlichkeit, eine Lüge. Wir sagen Fuß und denken Schuh, wir sagen Körper und denken Toilette. Einen Abend lang Menschen sehen, schöne Menschen, die schön sind mit einer heiteren Selbstverständlichkeit, an denen die Schönheit Selbstzweck ist das zeigt in bengalischer Beleuchtung Ziele und Wege. Die Wege werden schon begangen, aber die Ziele liegen noch fern. Ferner, als es die Enthusiasten näher, viel näher, als es die Zweifler glauben.

Unsere Bekleidung ist ursprünglich durch das Klima erst sekundär durch die sogenannte Sittlichkeit bedingt. Die Südseeinsulaner empfinden es nicht als unsittlich, daß ihnen im Alltag der Lendenschurz als Maxime der Bekleidung gegeben ist.

Im Film „Kraft und Schönheit“ dämmert es dem Prüdesten, daß es möglich ist, uns an den Anblick unbekleideter Menschenkörper zu gewöhnen, ohne daß wir uns Gedanken machen, die mit anderm, aber ästhetischem Gefühl zu tun hätten. Freilich, wenn einer eine Juwelierauslage betrachtet, so hängt es davon ab, ob er ein ehrlicher Mensch oder ein Dieb ist: Je nachdem wird er entweder einfach bewundern, oder überlegen, wie sich die Brillanten und Perlen da am besten klauen ließen.

Dieser Ufa-Film hat durch die klassische Bildhaftigkeit der Aufnahmen das Obszöne ad absurdem geführt.

Man kann sich denken, daß der letzte Krieg möglich gewesen wäre, hätten vor zwanzig Jahren die Voraussetzungen bestanden, die diesen Film möglich machten.

Eine Kulturmenschheit, die in sich selbst den Be als Trägerin absoluter Schönheit empfindet und d nach ihre Zielsetzung einrichtet, gibt sich nicht mehr so ohne weiteres dazu her, auf ein so hochwertiges Menschenmaterial, wie sie es herangezogen hat, die blutig dreckige Einstampfmaschine des Krieges loszulassen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3351