Siehst du, Pussy, ich hab’s dir ja immer gesagt, die Weiber werden noch einmal dein Verderben. Nacht für Nacht bist du hinausgestrolcht und hast Romeo und Julia, Hero und Leander mit deiner schwarz-weißen Buhle und wohl auch mit andern liebebedürftigen Schönen der Nachbarschaft gespielt. Allabendlich hallten die Giebel und Gartenmauern von Euern sehnsüchtigen, leidenschaftlich zärtlichen Liebesarien wider, es war, als sei die große, schwarze Winternacht selber verliebt geworden, wie ein Kater, und ließe ihre süße Qual ins All entströmen.
Jetzt bist du schon vier Morgen nicht heimgekommen. Du kamst sonst nach jeder durchschwärmten Liebesnacht zurück zu deinem Milchtellerchen, ausgehungert und ausgedürstet, und warst froh, dich zu neuen Taten stärken zu können. Du wußtest: In der Küche hat die gute Anna mir ein Stück Milz oder Leber zurechtgelegt, und unter zärtlich scheltendem Zuspruch wird sie mir von der Morgenmilch ein Tellerchen voll ausgießen. Ei, das schmeckt, das labt nach den Liebesstrapazen der Nacht in den Schuppen und Scheunen und Garagen und Neubauten der Nachbarschaft.
Nun warst du schon vier Morgen nacheinander nicht beim Appell. Was haben sie mit dir gemacht! Hast du einen vergifteten Kirrbrocken gefressen? Hat dich ein Hund totgebissen? Hat dich einer totgeschlagen, um dich als Hasenpfeffer zu verzehren und aus deinem herrlichen, kaninchengrauen Fell seinem Schatz einen Muff oder Pelzkragen machen zu lassen? Oder hast du, undankbares Viech, ein neues Heim gefunden, wo du dir einbildest, es noch besser zu haben? Paß auf, die werden dich schärfer an der Kanthare halten, da kannst du miauen und flehen und dich verrückt stellen, so viel du willst, die werden kein Mitleid mit dem Drang deiner Pubertät haben, die werden dich nicht hinauslassen in die Freiheit der erotisch durchbrausten Nächte, da wirst du eingesperrt, bis deine Sehnsucht sich überstanden und abgekühlt hat.
Pussy, undankbares Viech! Du wirst dich also auf andern Schößen rekeln, wirst dich in andere Arme schmiegen, dich von andern Händen knutschen lassen, wirst nach andern Hälsen deine schlanken, silbergrauen Pfoten ausstrecken, wirst dich um andere Fußknöchel schmiegen, wirst an andern Tischen sitzen und mitessen, wie das Kind vom Haus! Nein, das wirst du nicht! Das geschieht dir recht! Sie werden dich fortscheuchen, wenn du deinen Platz in der Reihe der Tischgenossen einnehmen willst, denn sie wissen ja nicht, daß du als gesitteter Kater die erlesensten Tischmanieren hast, daß du in der vornehmsten Gesellschaft mit Ehren bestehen kannst.
Vielleicht wird es dir daun in deinem allzu stark spezialisierten Katerverstand dämmern, daß du einen Blinden gegen einen Einäugigen eingetauscht hast, und daß du es bei uns schließlich doch noch besser hattest. Vielleicht werden deine Kindermonate wieder vor dir aufsteigen: Wie sie dich brachten und du zuerst immer nach der Mutter Heimweh hattest, wie du dich allmählich an die neue Umwelt gewöhntest, an das neue Spielzeug. Weißt du noch, der alte Strohhut, in dessen Höhlung du dich immer verschanztest, wenn die Zwirnspule zur Attacke überging und drohend auf dich zurollte? Weißt du noch die weitläufige, nachtdunkle Zuflucht unter dem Sofa, wo du dich ganz in Sicherheit wähntest, bis auf einmal das schwarze Firmament über dir sich spaltete und Hände nach dir griffen. Und weißt du noch, das erste Mäuschen, das du auf dem Speicher gefangen hattest und als Huldigung, schmeichelnder Lobsprüche gewärtig, deiner Herrin zu Füßen legtest?
Du mußt sagen, Pussy, du hattest es gut, alle liebten dich und wollten dein Bestes. Und alles hast du der dummen Weiber wegen aufs Spiel gesetzt.
Kommst du diesmal mit einem blauen Auge davon, so laß es dir eine Warnung sein Aber wir haben die Hoffnung aufgegeben. Adieu Pussy! R. I. P.!