Original

27. Januar 1927

Es stand einmal ein Kastanienbaum mit vielen Brüdern in einer Reihe. Man nannte sie Roßkastanien, niemand wußte warum. Der Frühling trieb alljährlich zuerst in ihren blanken Knospen sein revelutionäres Wesen gegen den Tyrannen Winter und steckte auf ihnen zur Feier seiner Thronbesteigung seine tausend rosafarbenen und weißen Kronleuchterchen an.

Sie waren vor einem Menschenalter dort gepflanzt worden, als die Menschen jung waren, die heute einer nach dem andern zur Rüste gehen.

Sie wurden Jahr für Jahr von Stümperhänden beschnitten und wuchsen dennoch fröhlich, wenngleich ein bißchen struwelpeterich in die Höhe und Breite. Sie waren mit ihren Brüdern von der andern Straßenseite zusammen wie ein grüner Tunnel, durch den die Städter gradewegs hinaus in die Äcker und Wiesen und Wälder sahen.

Der eine Kastanienbaum, von dem hier erzählt werden soll, war bei weitem der häßlichste der ganzen Reihe. Schon auf dreihundert Meter stach er durch seine Häßlichkeit in die Augen. Er war der Quasimodo, der Rigoletto unter den Kastanienbäumen. Er hatte einen Kropf, einen Buckel und mehrere Unterleibsbrüche. Er war in jeder Beziehung ein Verreckling. Aber er hielt sich, wie viele seines Schlages, für einen Adonis.

Seine Brüder spotteten über ihn. Er ist bucklig, aber er tut es aus Hofsart, höhnten sie.

Er ließ alle Sticheleien über sich ergehen und sagte: Spottet nur, der Tag wird kommen, der mich an euch rächen wird.

Der Tag kam. Eines frühen Morgens sah man Männer die Reihe der Kastanienbäume entlang gehen sie kritisch beäugen, einander mit ruhiger Entschlossenheit zunicken. Einer schlug mit einem Beil aus der Rinde einzelner Bäume ein handgroßes flaches Stück heraus, ein anderer hatte einen Farbtopf, einen Pinsel und Schablonen, damit malte er auf jede der wunden Flächen eine schwarze Nummer.

Die Kastanienbäume, zumal die, die es traf schüttelten die Wipfel und fragten, was das heißen solle.

Quasimodo feixte sarkastisch, daß sein Kropf und sein Buckel leise zitterten.

„Ihr werdet ja sehen,“ sagte er. „Ihr werdet ja sehen, wenn sie demnächst mit Axt und Säge kommen und euch umhauen.“

„Wen umhauen?“ fragten aufgeregt die Brüder, die ihm am nächsten standen, zwei stämmige Kerle, die er immer mit heimlichem Neid betrachtet hatte.

„Wen denn sonst, als euch!“

„Uns!“ fragten sie erschrocken, und ein plötzliches Beben schüttelte sie von der Wurzel bis zur Wipfelspitze.

„Ja, euch! Darum haben sie euch ja die schwarzen Nummern auf den Bauch gemalt. Du hast Nummer 66 und du Nummer 68.“

„Und du?“

„Ich! Merkt Ihr denn noch immer nichts! Mich lassen sie stehen. Mich finden sie so schön, daß sie mich stehen lassen. Da habt ihr’s nun mit euerm Gespön alle die Zeit her. Euch hauen sie um und mich lassen sie stehen. Denn diese Männer wissen was schön ist. Sie haben im Kino die Wege zu Kraft und Schönheit gelernt, und ausgerechnet mich lassen sie stehen, damit ich für die kommenden Baumgeschlechter als Vorbild diene. Worüber ihr die Nasen rümpft, das ist ihnen der Canon der Schönheit. Und denkt beileibe nicht, das haben diese Männer so ohne Überlegung als verdöste Schablonenritter nur so hingemacht. Nein, das war alles wohlüberlegt. Sie werden euch, einen um den andern, fällen, hüben einen und drüben einen, immer zweie, die sich genau gegenüber stehen; das ist nämlich auf den symmetrischen Eindruck berechnet, das versteht ihr nicht so ohne weiters. Und dann hat es auch einen tieferen ästhetischen Sinn, daß die Laternen mit als Bäume gerechnet werden. Und schließlich mache ich darauf aufmerksam, daß die Männer nicht etwa vom Anfang der Reihe aus zu zählen begannen, sondern von mir aus, damit nur ja keine Nummer auf mich träfe, denn mich wollten sie um jeden Preis der Nachwelt erhalten.“

Also sprach Quasimodo. Und die andern senkten todestraurig ihre Zweige und bereuten tief, daß sie ein Leben lang die verborgene Schönheit ihres Bruders nicht erkannt hatten.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3353