Original

28. Januar 1927

Wünschen Sie mit mir Herrn Wilhelm, dem Volksvertreter und Bürgermeister, aufrichtig Glück. Die Politik und die Bürgermeisterei haben in ihm die Poesie nicht ertötet. Wie sagte er schon dieser Tage in der Kammer? Meine Herren, wenn Sie einmal Zeit haben, so kommen Sie an einem schönen Frühlingsvormittag zu uns nach Esch und sehen sich den wimmelnden Ameisenhaufen der Höhl an, mit den tausend rollenden Förderwagen auf, unter und über der Erde!

Er hat das Bedürfnis empfunden, diesen roh materialistischen Prozeß, diese Vergewaltigung des Erdmutterschoßes, dieses zum brutalen Würgen gewordene Handgemenge der Arbeit mit dem versöhnenden Glanz der Frühlingssonne zu übergießen. Er hätte sagen können: Kommt an einem trüben Wintertag, wenn die Fron zum Inferno wird, die Arbeit zum traurigen Robot Nein, er sagte: Kommt an einem schönen Frühlingsmorgen, wenn alles hell und farbig ist, wenn der Umtrieb der Arbeit ist wie quicker Blutlauf in gesunden Adern.

Übrigens hatte er mit seiner Aufforderung recht. Wir gehen viel zu wenig nach Esch. Ich habe dort einen Freund, der wahrscheinlich, wenn er bis hierhin gelesen hat, hohnlachend die Zeitung zusammenknüllen und in die Ecke schleudern wird, denn nicht weniger als siebzehn Mal mußte ich ihm versprechen, seinen Bergbetrieb mir einmal gründlich anzusehen, und nie ist es dazu gekommen. Dies ist jetzt, durch die Aufforderung des Herrn Wilhelm, sozusagen zu einer Landesangelegenheit geworden.

Unsere Industrieanlagen sind zwischen Schengen und Drei Baracken wohl das Einzige, was Weltmaß hat, womit wir uns neben irgendwelche Großmacht in die Reihe stellen können. Und das liegt für die meisten von uns wie Schneewittchen weit hinter den Bergen.

Es geht uns mit Esch wie den Parisern mit dem Louvre. Sie hören davon sprechen und nehmen sich auch mal vor, sich die gestohlene Gioconda vielleicht eines Sonntags gelegentlich anzusehen, aber wenn nicht ein Onkel aus der Provinz kommt, den sie begleiten müssen, sterben sie meist, ehe sie ihr Vorhaben ausgeführt haben.

Also diesmal wird’s Ernst. Der erste schöne Frühlingsvormittag wird uns in die Höhl locken.

Nun ist noch eins merkwürdig: daß nämlich die eingesessenen Escher so relativ wenig Offiziere für das Heer der Industrie stellen. Man sollte meinen, sie, die tagtäglich von diesem zentripetalen Riesenschwung gestreift werden, müßten darin nach Führerstellen streben. Und wie wenige der Führer sind aus alt Escher Häusern hervorgegangen! Die Generale der Industrie kommen von überall, nur nicht von Esch: Von den Ufern der Sauer, Mosel, Syr und Clerf und aller möglichen Wasserläufe, aber nur ganz vereinzelt von den Ufern der Alzette da, wo sie rote Erde bespült. Der Berg lockt sie noch verhältnismäßig stärker, weil die frische Luft ihrem alten Bauernblut Bedürfnis ist, den Weg nach dem Werk finden sie kaum.

Das Gleiche frappiert in Luxemburg, dem Zentrum der Politik. Auch da sind es meist die Auswärtigen, die vor der Front reiten, nur ab und zu taucht ein Altstadtkind auf und wird meist nicht gewählt. Die Regierungsbänke werden von allen Landesteilen beliefert, nur nicht von der Hauptstadt. Selbst im letzten Jahrzehnt, wo die Maximiner Abtei zur Karawanserei geworden war, befand sich unter den Durchziehenden kaum einer, dessen Wiege nicht irgendwo draußen auf einem Bauerndorf, wenn es hoch kam in Diekirch gestanden hatte.

Vielleicht ist es gut so. Vielleicht hat die Natur in jeden Menschen den Trieb gelegt, sich von dem Nächsten abzuwenden und sein Zelt etwas weiter draußen aufzuschlagen, und es war von Schiller eigentlich töricht, zu fragen: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Die Sehnsucht ist das Schöne, und solange wir meinen, das Ferne erst sei das Gute, solange wird die Welt nicht stille stehen.

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