Original

1. Februar 1927

Aus dem übersonnten Geschiebsel der silbergrauen Wiesen und Wälderkulissen vor dem westlichen Horizont quillt ein weißes Rauchwölkchen. Es ist plötzlich in der Landschaft als etwas Überbetontes, trotz seiner Zartheit. Ballen um Ballen gebiert es stoßweise aus sich heraus, knäuelt sich in die Länge, bis sein Kopf um eine Hügelecke verschwindet und sein Leib von der Mittagssonne aufgetrunken wird.

Was ist dabei! sagen Sie geringschätzig. Der Pariser Zug.

Und ich sage: Dies weiße Rauchwölkchen hinter den Merler Wiesen, das ist die ganze Welt.

Urwälder mußten vor Jahrmillionen wachsen, hinfinken, sich in Morast einbetten, Berge mußten sich auf sie türmen, durch den Schoß der Erde mußten sich in Ewigkeiten die Regentropfen ihre Sickerwege suchen, sich zu Quellen versammeln, als Brunnen und Bäche den Kreislauf des Wassers fortsetzen; Menschenhirne mußten Gesetzmäßigkeiten, die sich unerkannt im Allcherumtrieben, einsangen und in erzne Räder und Kolben spannen, wie weiland die Nagelschmiede ihre Hunde in die Treträder sperrten, damit sie zu Triebkräften im Dienst der Menschheit wurden. Aus alledem, aus Kohlen. Wasser und Maschine ist jenes weiße Wölkchen geworden.

Und es kräuselt und knäuelt sich über den dröhnenden Wagen, die hinter ihm durch die Landschaft gleiten. Es zieht Menschenschicksale durchs Leben, wie die Nadel den Faden zieht. Männer, Frauen, Kinder, Greise. Glückliche, Unglückliche, Zuversicht, Verzagung, Wagemut, Feigheit, alles Menschliche ist in den dröhnenden Wagen beisammen und rollt einem der großen Brennpunkte des Lebens entgegen. Über diesem Fähnlein Reisiger weht das Rauchwölkchen als silbergraues, leuchtend durchsonntes Banner, und man mag es deuten, wie man will Führt es sie auf die Höhen oder in den Abgrund?

Was hat sich nicht alles von werdenden Schicksalen auf den Bänken jener Wagen versammelt, den gepolsterten, spitzengeschützten und den harten, hölzernen? Was sieht nicht alles aus all jenen Angenpaaren in die Landschaft, deren Ackerbreiten sich mit den Dörfern als Achsen langsam am Zug vorbeidrehen wie die Flügel von Windmühlen? Wie fahren sie alle hin, wie werden sie wiederkommen? Schlägt da nicht ein junges Herz dem Wunder Paris entgegen, zieht es nicht an den Türmen von Notre-Dame seine kühnsten Hoffnungen als weiße Segel auf? Und wird es nicht leer, um jede Hoffnung betrogen, über Jahr und Tag zurückkommen? Jeder, der nach Paris fährt, ist mit Erwartung gebläht, jedem soll es irgendeine Begierde stillen, Geld, Liebe, Ruhm, Kunst sind die Gottheiten, die dort auf tausend Altären stehen, und zu denen alle pilgern, die unter der grausilbernen Fahne des Rauchwölkchens südwestwärts gleiten.

Wie gut, daß die Sehnsucht und Hoffnung, die Gier nach Geld, Ruhm und Liebe nichts wiegen - wie lang müßte sonst die Wagenreihe und wie stark die Lokomotive sein, die solche Last die Hunderte Kilometer nach Paris trüge und zöge! Der hinkende Teufel fände hier, wenn er die Dächer von den Wagen ab- höbe, wiederum ein ergiebiges Feld für seine Beobachtungen.

Sehen Sie, das silbergraue, sonnendurchleuchtete Rauchwölkchen da hinten um Leudelingen und Dippach herum bedeutet mehr, viel mehr, als Ihnen auf den ersten Blick einfällt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3357