Ein Bekannter schickt mir aus Paris die letzte Freitagsnummer des „Quotidien“. Darin ist auf der vierten Seite eine junge Dame abgebildet, die auf einer Bank sitzt und rechts und links je einen jungen Leoparden an der Leine hat. Darunter steht zu lesen, daß Frau Wentwurth (denn sie ist es) lieber mit zwei jungen Leoparden, als mit einem Hundepaar, im Bois de Boulogne spazieren geht.
Dies hat meinen Bekannten in Aufregung versetzt. Er malt zwei blutigrote Pfeile hin, die auf die Dame mit den Leoparden gezückt sind, als sollten sie sie in der nächsten Sekunde glatt durchbohren, und darunter steht in derselben Farbe: „Frechheit, Herausforderung, Schande!“
Nun möchte ich wirklich wissen, gegen wen Frau Wentwurth frech und herausfordernd ist, indem sie mit zwei jungen Leoparden, statt mit einem Dackel und einem Pudel im Boulogner Wald spazieren geht, und wieso sie sich dadurch mit Schande bedeckt.
Faßt der geehrte Zusender es als eine Frechheit gegen die Menschheit im Allgemeinen, gegen die Männerwelt im Besondern oder gegen das Leopardengeschlecht auf? Sähe er zum Beispiel lieber, wenn Frau Wentwurth mit je rechts und links einem Mannsbild am Bändel ihren Morgenspaziergang machte? Ist er somit eifersüchtig auf die beiden Leoparden? Oder liegt für ihn die Herausforderung darin, daß Frau Wentwurth der hergebrachten Sitte ein Schnippchen schlägt und lieber auf die Leoparden als auf den Hund kommt? Oder sieht er in ihrem Gestus eine Beleidigung des Dschungelkönigtums, als dessen Repräsentanten er die Leoparden auffaßt? Erscheint ihm die Beleidigung doppelt herausfordernd, weil sie von einer Frau ausgeht?
Vielleicht beantwortet er mir demnächst diese Fragen?
Inzwischen darf man über die Inkonsequenz nachdenken, die darin liegt, daß unser Furcht- und Abwehrinstinkt gleich hoch geht, sobald wir sogenannte wilde Tiere in Freiheit und in enger Berührung mit unsereinem sehen, und daß wir auf der andern Seite tagtäglich Seite an Seite mit Gefahren einhergehen, die uns von unsersgleichen drohen, ohne daß wir etwas dabei finden. Geht es dann einmal plötzlich schief, so wird nachher der Deckel auf den Brunnen gelegt, oder auch nicht.
In derselben Nummer des „Quotidien“, die das Bild der Frau mit den Leoparden enthält, erzählt Pierre Bertrand eine Art Geschichte vom Relter und vom Bodensee. Nach dem Attentat Zaniboni ereignete sich der bekannte Zwischenfall mit den französischen Eisenbahnern in Ventimiglia. „Einige Tage später wird die Niedermetzelung der Franzosen in Ventimiglia in aller Öffentlichkeit vorbereitet. Eine Strafexpedition auf französisches Gebiet wird angekündigt .......“ Der königliche Sicherheitskommissar von Ventimiglia meldet den französischen Behörden in Nizza, er könne trotz der Verstärkung seiner Mannschaft die Meuterer nicht zurückhalten, die in Frankreich einfallen wollten. „Die Ermordung der Franzosen in Ventimiglia könne nur durch ein Wunder verhindert werden. Um vier Uhr nachmittags sind die Banden schon zu ihrem unheimlichen Werk versammelt.“
Das sieht ein bißchen mehr nach Dschungel aus, als die beiden Leoparden, die Frau Wentwurth an der Leine führt.
Hagenbeck war vor dem Krieg auf dem besten Weg, den Nachweis zu führen, daß es „wilde“ Tiere überhaupt nicht gibt. Was sie gelegentlich wild mache, sei nur der Hunger.
Man könnte den bekannten Satz über den Unterschied zwischen Mensch und Tier ruhig durch ein drittes Glied erweitern: daß der Mensch wild wird auch ohne Hunger zu haben.