Original

3. Februar 1927

Vielleicht haben Sie dieser Tage in der „Frankfurter Zeitung“ einen Aufsatz über Londoner Nachtklubs gelesen. Vielleicht haben Sie daraus den Eindruck gewonnen, daß London denn doch eine etwas größere Stadt sein muß, als Luxemburg.

Städte haben eine innere und eine äußere Größe. Die äußere Größe drückt sich im Flächeninhalt und in der Einwohnerzahl aus. Die innere Größe in allerhand Faktoren, zu denen auch das Nachtleben gehört.

Die innere Größe ist nicht immer derart, daß die betreffende Stadt sich darauf etwas einbilden kann. Wie ein Cocktail, so kann auch das Nachtleden einer Stadt besserer oder geringerer Qualität sein.

Wir haben in Luxemburg ein Nachtleben, das ruhige Bürger, wie unsereins, nur vom Höreniagen kennen. Höchstens wenn man einmal einen Bekannten um 3 oder 4 Uhr auf einen Frühzug bringen muß und das Schlafengehen nicht mehr lohnt, kommt es dazu, daß man einen Zipfel dieses Nachtlebens eigenhändig lüstet. Daß man davon nichts weiter erzählt, versteht sich von selbst. Nicht etwa, weil man viel mehr Unanständiges, als bei Tag, gesehen hätte, sondern weil man seine Bekannten nicht bloßsteilen will.

Wenn die Welt draußen in jeder Beziehung so große Fortschritte gemacht hat, wie Luxemburgs Nachtleben seit dreißig Jahren, so kann man nur sagen: Alle Achtung!

Was es in dieser Beziehung heute gibt, ahnt der Hundertste nicht. Ich bin überzeugt, ich bin einer von den vielen Hundertsten. Du, geneigter Leser, sicher auch. Also regen wir uns darüber nicht auf. Schwelgen wir in Erinnerungen an den Embryo von Nachtleben, den es damals gab, als Luxemburg noch ein Dornröschen war, an dessen Schloß der Erlöser-Prinz beharrlich vorbei ritt.

Damals hielt man sich für einen Abenteurer und Schwerenöter, wenn man einmal draußen im Park, im Louviguy oder bei Amberg mit den Schauspielern und Schauspielerinnen der Schmtre übergelaerpt hatte. Es kam sogar vor, daß Champagner getrunken wurde. Veuve Cliquot kostete, glaube ich zehn Francs die Flasche. Der jugendliche Held und Liebhaber las ein dithyrambisches Gedicht vor auf einen Kranz Blutwurst, den er in der Pfanne hatte schmoren sehen, und sein Kollege vom tragischen Fach bekam die Seekrankheit, weil ein schlechter Kerl die Petroleumlampe über dem großen Tisch heimlich in Schwingungen versetzt hatte.

Dies muß ich Euch erzählen: Wie der Amberg einmal Hexenmeister spielte. Ein deutscher Geschäftsreisender hatte in seinem Hotel gehört, bei Amberg im Park sei abends immer was los. Also kam er und setzte sich dazu und war erstaunt daß er nur ein paar ruhige Stammgäsie fand, die sich Witze erzählten und aus Höslichkeit taten, als hätten sie den neuenen des andern noch nie gehört. Amberg sah dem neuen Kunden an, daß er auf etwas Besonderes gespitzt war, und menschenfreundlich, wie er war, glaubte er dafür sorgen zu müssen, daß der junge Mann auf seine Kosten käme. Also spielte er erst ein paar Stücke auf dem Klavier, dann auf der Streichzither, dann erzählte er Anekdoten, ging allmählich, da der Fremde warm geworden war, zu den Zauberkünsten über, die wir kannten: Kartentricks, die Nummer mit dem Hemdeknopf, die er von Beckerelli gelernt hatte, das Stückchen mit dem elektrische. Messerrücken und der Stecknadel - da machte der junge Reiseonkel große Augen, und es wurde ihm sichtlich unheimlich. Und Amberg holte zu seinem Bo@e @effekt aus „Bitte, setzen Sie sich zurecht, fassen Sie mit beiden Händen die seitlichen Querstäbe an Ihrem Stuhl ... so!“ Und mit weitem Schwung der Arme und stechendem Blick ging Amberg auf ihn zu. „Ausgepaßt, jetzt gehen Sie mitsamt dem Stuhl an die Decke!“

Aber der mißtrauische junge Mann wartete das Wunder nicht ab. Im Nu war er auf, erwischte Hut und Mantel und verschwand draußen in der Nacht.

„Vier Humpen und eine Fme Martel ist er schuldig geblieben,“ stellte Frau Amberg vorwurfsvoil fest.

„Es ist als item das!“ tröstete sie ihr Gatte

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    Katalognummer BW-AK-015-3359