„Ich“ - sagen viele, indem sie das Ich über die Umgebung deutlich emporheben - „Ich lese in der Zeitung nur die Lokalnachrichten. Wenn’s hoch kommt, den Wetterbericht.“
Sie sagen das natürlich nicht aus Bescheidenheit, sondern ruhmredig, wie ein Protz sagt, er raucht von seinen Importen nur das erste Drittel, ißt von seinen Spargeln nur die Köpfe, von den Forellen nur die Backen, von den Kirschkuchen nur die Kirschen.
Sie haben Unrecht, lieber Mann, wenn Sie die ganze Zeitung bezahlen und angeblich nur ein Zwanzigstel davon lesen. Wir wollen nichts geschenkt, aber wir können natürlich auch keine ermäßigten Abonnementspreise einführen für die, die nur die Lokalnachrichten lesen wollen. Lesen Sie also die Zeitung ganz, denn wir geben uns redlich Mühe, sie in jedem Teil so zu machen, daß sie einem Zweck entspricht. Wenn Sie finden, wir schreiben in der Zeitung nur Kohl, so lesen Sie wenigstens die Anzeigen. Die sind nicht von uns. Und sie sind sehr interessant. Immer, wenn ich eine halbe Stunde Zeit habe, lese ich unsere Anzeigen durch von oben bis unten, mit dem Erfolg, daß ich mich für den Kampf ums Dasein neu gestärkt habe. Denn man fühlt sich durch zweierlei gestärkt: Durch das Beispiel der mutig Strebenden, und durch das Bewußtsein, daß man Leidensgenossen hat. Hat dich beispielsweise eine Hexe ins Rückkreuz geschossen, so bist du versucht zu glauben, du seiest das einzige Opfer. Siehst du aber in der Zeitung die schöne, große Anzeige, die verkündet, wie man es machen soll, um einen Hexenschuß loszuwerden, so schämst du dich deiner Eingebildetheit, denn nun weißt du, die Welt ist voller Hexenschüsse, sogar eine junge Dame siehst du in der Anzeige abgebildet, eine hübsche junge Dame, die sich stöhnend vor Schmerz den Rücken hält. Und es ist für dich ein süßer Trost, daß Hexenschüsse sich nicht nur deine Hüftgelenke, sondern auch junge Frauenrücken zum Ziel nehmen, die sicherlich in dem Film Kraft und Schönheit sich mit Ehren könnten sehen lassen.
Wenn ich im Zug einen Herrn sehe, der beim Entfalten seiner Zeitung erst die vierte Seite ins Auge faßt und die Anzeigen aufmerksam durchliest, so steigt er in meiner Achtung. Der ist für mich ein Mann der Tat, nicht des Wortes. Kein politischer Räsonneur. sondern einer, der praktische Arbeit tun will und seine Augen auf die Suche schickt, wo er seine Hände anlegen soll.
Die Anzeigenseite der Zeitung ist der Spiegel des Wirtschaftslebens. Aus den Anzeigen der Zeitung von 1875 kannst du ein Bild der Zeit: Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Technik, Politik sogar gewinnen, sicherer, zusammengefaßter, übersichtlicher, als aus Leitartikeln und Kammerdebatten. Denn die Tatsachen des Lebens, die sich in den Anzeigen spiegeln, reden nicht die Sprache der Parteien, der Übertreibung und Verschleierung.
Von deinem Zimmer aus kannst du jederzeit mit einer Seite Anzeigen dir den strudelnden Strom des Wirtschaftslebens vor die Augen zaubern. In breiten, unabsehbaren Reihen kommt es gezogen, dröhnend, wogend, jeder zieht oder schiebt seine Last, leicht und schwer, ästhetisch oder geschmacklos, brüllend oder diskret. Du siehst die einen vom Erfolg getragen, die andern schon halb niedergetreten, einen Arm nach Hilfe emporgereckt, siehst die Jungen schüchtern oder zuversichtlich sich in das Streben einschalten, siehst die Alten weiterkämpfen, wie sie es seit fünfzig Jahren, taten, stolz ihr Alter an die Stirn geschrieben.
Glaube mir, die Zeitung ist da, um gelesen zu werden, von der ersten bis zur letzten Seite. Wer sie so tiest, dem tut das Geld dafür nie leid.