Original

5. Februar 1927

Herr Lichtenberger, Professor an der Sorbonne in Paris, hat in Berlin vor einem gewählten Publitum einen Vortrag in tadellosem Deutsch gehalten. Und zwar über das Thema: Nationalismus und Weltbürgertum.

Jeder denkt, daß Nationalismus und Weltbürgertum zwei entgegengesetzte Begriffe sind, und daß Professor Lichtenberger sich für den einen oder für den andern hat entscheiden müssen. Und vor einem Berliner Auditorium dürste es für einen Franzosen eine heikle Sache gewesen sein, sich für den Nationalismus zu entscheiden. Also wird Herr Lichtenberger dem Weltbürgertum das Wort geredet haben.

Ich weiß nicht. Ich kann es mir anders denken. Luxemburg ist ja doch das einzige Land, das bis jetzt den Gedanken des Weltbürgertums praktisch zu Ende denkt. Weil wir das einzige Volk sind, das zugleich nationalistisch und weltbürgerlich empfindet.

Der Nationalismus ist die Summe der völkischen Individualismen, d. i. der Überzeugungen von der alleinseligmachenden Gnade eines bestimmten Volkstums. Für die Deutschen hat es Geibel ausgesprochen: daß an deutschem Wesen noch einmal die Wekt genesen müsse. Im Englischen, Französischen, Italienischen, Russischen usw. gibt es vielleicht keinen Spruch, der dasselbe mit derselben naiven Deutlichkeit ausspricht. Aber dieselbe Überzeugung ist überall vorhanden. Alle sind überzeugt, daß sie und sie allein auf dem richtigen und gradesten Wege zum Glück der Allgemeinheit sind. Imperialismus ist im Grunde weiter nichts, als der Wunsch, der in einem Volksganzen oder seinen Machtexponenten lebt, alle andern nach ihrer Fasson selig zu machen. Vorläufig leider noch nach dem Rezept: Willst du nicht mein Bruder sein - Schlag ich dir den Schädel ein.

Da wiederholt sich also im Großen, was wir in der Politik, im Kleinen, sogar ganz Kleinen sehen. Der eine möchte den andern vom Bock herunterhauen, weil er überzeugt ist, daß er die Karre sicherer und rascher aus dem Sumpf fahren wird. Wobei die Lust am Kutschieren und allerlei anderes freilich auch mitspielen soll.

Also: Nationalismus ist letzten Endes der Wille, seine völkische Eigenart zu bewahren und zu stärken, aber mit dem Hintergedanken, durch ihre Überlegenheit andere zu beherrschen, in den eigenen Bann zu ziehen und im Zeichen der eigenen Überlegenheit zum Glück zu führen.

Mit dem Weltbürgertum verträgt sich der Nationalismus aber nur bis auf diesen Hintergedanken exklusive.

Nun sollten die Völker einmal in sich gehen und bedenken, daß nichts so geschmacklos ist, wie andern seine Sitten und Überzeugungen und Geschmäcker ausdrängen zu wollen. Sitten, Überzeugungen und, Ceschmäcker setzen sich kraft ihres inneren Wertes ganz von selbst gegeneinander durch. Im Verkehr der Individuen untereinander hat sich längst eine Wohlerzogenheit herausgebildet, die von kultureller Proselytenmacherei nichts mehr weiß. Eine zwischenvölkische Wohlerzogenheit. die von nationaler Proselytenmacherei nichts mehr wüßte, wäre das Weltbürgertum, das wir bräuchten.

Weit, sehr weit sind wir noch davon entfernt. Es gibt Anlässe, wo man empsindet: Die Völker sind im Verhältnis zueinander noch kaum weiter, als es die Höhlenmenschen waren, die einander mit gesträubtem Nackenhaar gegenüber traten.

Es gibt nur einen Weg, den die Völker gehen müssen, wenn Zivilisation kein hohler Begriff bleiben soll: der Weg, den die Individuen gegangen sind, bis sich ihr Zusammenleben in geordnete Bahnen fügte.

Wir Luxemburger sind den andern um mehrere Zeitalter voraus, weil bei uns der erwähnte Hintergedanke, der Wurmfortsatz des Nationalismus, vollständig fehlt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3361