Original

8. Februar 1927

Mir träumte, ich säße - oder vielleicht lag ich? Es war jedenfalls eine äußerst komfortable Stellung. Alles ringsum war so lichtumflossen, so ohne Ecken und Kanten. Und so geräuschlos, wie Schneefall. Aber die Sonne lag weißgelb über dem Ganzen. Das Ganze war eigentlich eine weitgeschwungene Landschaft, deren Bild mit meiner Kindheit verwachsen ist. Immer, wenn ich so groß, weit, sonnenweißgelb träume, verläuft mein Traum in dieser Landschaft.

Um mich lagen, saßen oder standen viel andere, die waren, wie ich. Jung? Alt? Ich weiß es nicht. Zeitlosigkeit war um uns, wie die Helle der Landschaft. Irgendwo auf einem Hügel saßen Leute, die in jeder Beziehung über uns erhaben waren. Sie saßen, das weiß ich bestimmt. Sie hatten wichtige Amtsmienen, hantierten mit Blättern und Bleistiften. Von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf und rief etwas in den Raum. Er rief es ganz gewiß, man wußte auch, was er rief, aber man hörte es nicht.

Kurzum, man wußte, daß er eine Anzahl von uns aufgerufen hatte, man sah sie aufstehen, sich in eine Reihe stellen, oben auf dem Hügel feuerte einer der Gehobenen einen Revolver ab, und dahin stürmten sie, durch die weißgelbe Landschaft, daß ihre Locken flogen und der Luftzug ihnen die Hüte und Mützen vom Kopf riß. Einmal um die ganze Landschaft stürmten sie, bis sie, zu einem langen Feld auseinandergezogen, wieder auf dem Hügel landeten, wo die Gehobenen saßen. Der Erste wurde sehr gelobt, der Zweite etwas weniger, der Dritte bekam noch einen Händedruck und die andern begaben sich, indem sie sich den Schweiß abtrockneten, wieder an ihre Plätze.

Die meisten um mich herum waren schon dran gewesen, und ich wartete mit Ungeduld, daß auch ich gerufen würde. Von Mal zu Mal horchte ich gespannter auf meinen Namen, aber er kam nicht. Ich war sehr ungehalten. Denn ich war überzeugt, daß ich beim Wettlauf alle schlagen würde. Ich spürte mich in Form, ich betastete meine Oberschenkel, straffte die Muskeln, holte tief Atem, alles an mir war Kampflust und Siegesbewußtsein. Und Mal für Mal ging vorüber, ohne daß ich aufgerufen wurde. Mein Staunen wurde nur durch meine Entrüstung übertroffen, aber mein Stolz verbot mir, mich vorzudrängen.

Und ich erwachte, ohne daß mir Gelegenheit geboten worden wäre, die Siegespalme zu brechen.

Ich ging zu einem alten Freund, von dem ich wußte, daß er Träume deuten konnte, und erzählte ihm das Erlebnis meiner Nacht.

Er lachte und sagte:

„Erinnerst du dich, wie wir zusammen als Sextaner im Konvikt waren und wie der „Alte“ uns immer vom Bruder Esel vorpredigte? Der Bruder Esel war der gemeine, erdgebundene Leib, der wie ein Bleigewicht an der Seele hing und sie beständig herunter in die Sümpfe seiner niederen Instinkte ziehen wollte, als da sind Faulheit, Gefräßigkeit und anderes Allzumenschliche. Nun, dieser Bruder Esel hat in deinem Traum die Hauptrolle gespielt. Du lagst bequem in deinen Kissen ausgestreckt, dein Bruder Esel empfand nicht das geringste Bedürfnis zu irgendwelcher heftigen Betätigung. Dein Geist indes war wach und lechzte nach Kampf und Anspannung. Und nun geschieht das Merkwürdige: Weil Du in deiner Körperlichkeit keine Lust hast zum Lausen, bleibst du ruhig liegen, aber dein Geist macht dafür eine Instanz außerhalb deiner selbst verantwortlich. So verführt dich der Bruder Esel nicht nur zur Faulheit, sondern auch zur Heuchelei!“

Pauvres de nous!

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    Katalognummer BW-AK-015-3363