Original

9. Februar 1927

Die letzte Nummer der „Luxemburger Illustrierten“ enthält, mit dem Bild der beiden Jubilare, eine Rotiz über die kürzlich gefeierte goldne Hochzeit der Eheleute Eßlen.

Herr Eßlen hat vor annähernd fünfzig Jahren in Grevenmacher die „Obermoselzeitung“ gegründet, die heute von Herrn Paul Faber-Eßlen mit klugem Verständnis weitergeführt wird.

Herr Eßlen kam aus dem Trierischen. Er hatte mit klarem Blick die Möglichkeiten erkannt, die an der luxemburger Mosel für ein Zeitungsunternehmen bestanden, er wußte sein Blatt den vorhandenen Bedürfnissen sehr geschickt anzupassen und führte es rosch zu einem Erfolg, der sprichwörtlich wurde.

Das verdankte er aber nicht allein und nicht einmal hauptsächlich der Gunst der Verhältnisse, sondern hauptsächlich der Intelligenz, der ruhigen, nur anscheinend passiven Energie und der Rechtschaffenheit, mit der er die Verhältnisse auszunützen und ihre gelegentliche Ungunst zu neutralisieren verstand.

Der Gründer einer Zeitung, die ein halbes Jahrhundert lebt und deren Bestand dann noch auf unabsehbare Zeit gesichert scheint, ist nicht der erste beste. Und obgleich der Gründer der „Obermoselzeitung“ nicht unseres Stammes war: Er hat in unserer Erde seine Furche gezogen, sein Werk lebt unter uns fort, er war vielen ein nachahmenswertes Vorbild, und er hat, solange er auf luxemburger Boden lebte, darauf gehalten, daß seine Kinder zur nationalen Gemeinschaft seiner Adoptivheimat gehörten.

Wer eine lebensfähige Zeitung gründet, muß in mannigfachem Betracht mit Gaben ausgerüstet sein, die sich selten in einem Individuum zusammenfinden. Er muß vor allen Dingen der Verantwortung bewußt sein, der er sich mit der Einflußnahme auf eine große Anzahl von Mitbürgern unterzieht. Er muß den ehrlichen Willen haben, diese Einflußnahme nicht zu mißbrauchen. Er muß ein Mann der Feder und des Bleistifts sein, was so viel heißen will, als daß er sowohl schreiben wie rechnen können muß. Zwei richtunggebende Eigenschaften sind ihm unentbehrlich: Klugheit und Ehrlichkeit. Klugheit den andern und Ehrlichkeit sich selbst und den andern gegenüber.

Es muß eine Genugtuung ganz eigener Art sein, bei der Feier seiner goldnen Hochzeit Kinder und Enkel um sich versammelt und über deren Häupter hinweg jenes Geisteskind ragen zu sehen, dem man vor einem Menschenleben zagend und zuversichtlich, in einem schönen Rausch schöpferischer Not das Leben geschenkt hat.

Eßlen, der Gründer der „Obermoselzeitung“, war sein ganzes Leben lang von einer Zurückhaltung, die nach Schüchternheit aussah, die aber nur die Wand war, hinter der sich seine mannigfache Begabung auswirkte.

Lange, bevor ich zünftig zum Journalismus gehörte, verdiente ich eines Tages in der jungen „Obermoseler“ meine Sporen als Reporter. Es war bei der Einweihung des Wilhelmdenkmals in Luxemburg. Herr Eßlen hatte mich um einen Bericht gebeten. Ich fühlte mich in den Tagen als Archibald Forbes der Einweihungsschlacht, ging nur mit umgehängtem Krimstecher herum, war überall mit der Rase vorneweg und sandte nach Grevenmacher einen Bericht, den ich für ein fulminantes Muster der Gattung hielt.

Herr Eßlen schrieb mir, unter Beifügung eines unerwartet hohen Honorars, ich scheine nicht ohne Talent für Berichterstattung und ich werde wahrscheinlich nach längerer Übung imstande sein, eine Zeitung ziemlich ordentlich zu bedienen. Als ich dann meinen Bericht in der „Obermoselzeitung“ las, hatte ich das Gefühl, das ein Vater haben muß, wenn sein Sohn, den er hinausgeschickt hat, mit abgeschnittener Nase und gestutzten Ohren heimkommt. Später aber merkte ich doch, daß die Nase und die Ohren des Sohnes wirklich zu lang gewesen waren.

Und vor Herrn Eßlen als Schriftsteller bekam ich Hochachtung, als ich viele Jahre später das Tagebuch las, das er in dem verdunkelten Zimmer einer Augenklinik geschrieben hatte, wo er sich einer langwierigen Behandlung hatte unterziehen müssen. Es war ergreifend, wie darin ehrliche Sachlichkeit durch Aufrichtigkeit und ruhige Innigkeit zu reiner Poesie verklärt war.

Es ist nur zu bedauern, daß der Jubilar seinen Lebensabend nicht unter uns, an der Stätte verbringt, wo er sein Lebenswerk geschaffen hat.

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    Katalognummer BW-AK-015-3364