Original

10. Februar 1927

Nach allgemeinem Dafürhalten ist unsere Neue Brücke dazu da, daß die Leute, die herüben sind, bequem hinüber gelangen und umgekehrt. „Er ließ schlagen eine Brucken - daß man kunnt hinüber rucken,“ heißt es im unsterblichen Lied vom Prinz Eugenius.

Ab und zu freilich kommt ein Unglücklicher auf den Gedanken, die Neue Brücke sei da, damit er von ihr mühelos und sicher ins ewige Vergessen hinüberspringen könne.

Aber im Allgemeinen herrscht doch die eingangs ausgesprochene Auffassung. Demgemäß sieht man von morgens bis abends und sogar nachts die Leute unentwegt über die Brücke gehen, fahren, reiten, ohne nach rechts und links zu schauen; nur hie und da lehnt sich ein Fremder übers Geländer und sagt: Wie hoch! Und hält sich gleich darauf die Nase zu, wenn unten im Petrußbach grade ein paar große Stinkblasen platzen.

Und dennoch sind einige dahinter gekommen, daß die Neue Brücke noch einen andern Zweck hat.

Sie ist gewissermaßen der Theaterbalkon, von dem aus das Schauspiel des Sonnenuntergangs zu genießen ist.

Unsere Sonnenuntergänge, hörte ich einmal von einem Fremden, sind draußen so berühmt, wie unsere Reiengärten und unser Straßendreck.

Jetzt ist die Jahreszeit der flammenden Sonnenuntergänge.

So gegen halb fünf mußt Du auf die Neue Brücke gehen. Es sind besondere Nischen angebracht für die Zuschauer der Sonnenuntergänge. (Auch diese Nischen werden in ihrem Zweck leider vielfach verkannt.)

In die unnahbare Helle des Tages ist allmählich mehr Herablassung gekommen. Die Majestät des Firmaments mildert sich zu leutseliger Verständnisbereitschaft. Die Müdigkeit der Sonne macht sie zugänglicher, erdennäher. Ihre Herrscherinnenhoheit wird Liebesbedürfnis und Gewährung. Ihre Weißglühhitze kühlt sich ab zu den warmen Röten langsam verglühenden Stahls.

Aus dem Tal herauf dunsten violette Schleier, hüllen die Welt, Dorf, Dächer, Hügel, Fernen in die Traumsüße der Dämmerung.

Zoll um Zoll gleitet der Sonnenball, durch das Zweiggegitter funkelnd, hinter die kahlen Baumwipfel. Wolkentiere, die tagsüber vor dem verzehrenden weißen Sonnenbrand sich verkrochen hatten, sind auf einmal da, reihen sich in Rotten konzentrisch zu dem ungeheuern Herd, der über dem westlichen Horizont flammt, in regungsloser Neugier, um zu sehen, wie ihre Feindin in die violetten Horizontwälder verfinkt. Mit orange durchglühten Leibern stehen sie stumpfsinnig, von der Scheidenden großmütig verschwenderisch mit Schönheit überflammt, ohnungslos, dumm, und starren dem Wunder nach, das im Vergehen Himmel und Erde mit seidiger Pracht, mit gewaltsamer Zartheit anhaucht; so überwältigend, daß, wenn Licht und Farbe zu Tönen würden, die Menschheit ringsum alles vergäße und erschüttert in die Knie sänke.

Aber so merkt die Menschheit von all den Prächten nichts. Sie laufen und fahren weiter über die Brücke herein und hinaus, denken an Doppelwaggons und Frankenkurs, an Essen und Trinken, wenn’s hoch kommt an Liebe, Treue und Falschheit, aber die Sonne sieht keiner.

Der Sonnenuntergang, der für die Schöpfung ein Augenblick der Todesangst, ein katastrophales Geschehen ist, ist von der Menschheit zur Flachheit des Dämmerschoppens und des Fünfuhrtees eingeebnet.

François Coppée erzählt von einem Dichter, der die Sonne untergehen sah, während Tausend vorübergingen und keinen Blick für den Todeskampf des Tages hatten. Da war der Dichter stolz, denn die Sonne hatte sich für ihn ganz allein in Unkosten gestürzt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3365