Original

12. Februar 1927

In alten Papieren kramen ist eine Lust, die sich mit keiner andern vergleichen läßt. Man macht Entdeckungen, bei denen man vor Freude aufschreit, als würden geliebte Tote wieder lebendig. Man tritt sich selbst leibhaftig gegenüber in Gestalt und Weien, wie sie einem vor einem halben Menschenalter eigen waren, man geht an Äckern vorbei, die man vor Jahren sorgsam bestellt und dann vergessen hatte, und die üppig ins Kraut und Unkraut geschossen sind.

Vor Jahrzehnten sammelte ich eine Zeitlang Material über den Klöppelkrieg. Und nun finde ich einen Haufen Notizen wieder, die ich damals aus Jakob Klein, Appendir zur Klöppelarmee ausschrieb. Das Manuskript befindet sich in der Bibliothek der historischen Sektion des Instituts. Jakob Klein war aus Arsdorf gebürtig und hatte grade seine Universitätsstudien vollendet, als es zu der aufrührerischen Bewegung kam, die im Klöppelkrieg ihren Höhepunkt und ihr Ende fand. Kleins Mitbürger wählten ihn zum Anführer, und als solcher erlebte er die seltsamsten Abenteuer.

Seine Aufzeichnungen sind ein kostbarer Spiegel der damaligen Zustände. Meine Leser werden mir Tank wissen, wenn ich nachstehend einige Stellen aus den Memoiren Jakob Kleins, der nachmalig Pfarrer zu Burglinster wurde, hier abdrucke.

„Mein gewöhnlicher Gang“ - so erzählt Klein aus den Tagen nach der Schlacht auf dem Beyerchen bei Arlon und dem Rückzug der Österreicher - „war auf Heispelt, ein Dorf zwischen Arsdorf, Rindschleiden und Wahl. Auf der Barlas, einem Meyerhof, waren 2 Husaren zurückgeblieben, 2 zu Rambruch, 3 zu Eschdorf etc. Täglich kamen sie zusammen und dann mußten wir jagen, und dieses zu Pferd. Sie redeten zienikich deutsch, etwas französisch, ich mußte allezeit mit ihnen reiten auf einem von ihren Pferden. - Ach was diese Reiter reiten konnten! Man hätte geglaubt, sie wären auf den Pferden angewachsen. Ich glaubte fest, ich könnte schon etwas von der Reitschule, aber es war mit mir ein Reiten, wie wenn ein Schneider auf dem Pferde hinge.“

Klein beschreibt dann ein Zusammentreffen der Österreicher mit französischen Dragonern, „drei Reitern von den Pferdsschwänzen“.

„Die Hungarn sprangen über eine Hage ... Der Hungar zur Rechten war von Natur ein Linker, konnte so gut nnd noch besser links als rechts fechten. Bassamaremtemtem! Blitzschnell hatte er den Sabel in der Linken, spornte sein Pferd und hieb dem Dragoner zu seiner Linken den Scheitel ab. Er sprengt fort, ohne zu warten, im Galopp, wutsch über die Hage. Der zweite Dragoner setzte ihm nach über die Hage und blieb auf der Hage etwas hangen. Der Hungar wandte sich um und versetzte dem Franzos einen Hieb nach dem Kopf. Dieser wollte sich decken, und so hieb er ihm die Hand mit dem Sabel entzwei, ließ ihn auf der Hage hangen, sprengt wieder zum Dritten in den Pesch hinab. Dieser bat um Gnade, die sie ihm gaben. Der erste hatte sich schon verblutet. Jetzt kamen sie mit den zweien wieder auf die Barlaf, von wo aus wir dem Spaß, wenn es Spaß war, zugeichaut hatten. Es war eine Sache von 6, 7-8 Minuten. Ich als ein wenig Chiruraus verband dem Dragoner seine Hand so gut als ich konnte. Wir tranken noch etwas schnapps und auf mein und des Wirths Anhalten behielten die Franzosen ihre Pferde und alles ......“

Über die Trinkverhältnisse im Land gibt folgender Passus Aufschluß:

„Am Montag auf der Kirmes zu Merzig sagte ich zu meinem Bruder: Es will heute nicht Mittag werden, komm wir gehen bei die Frau Bauer ein halb Tröpfchen trinken. Da kommt von ungefähr mein Taufpathe dazu: Was habt ihr zwei da? Wir trinken ein Tröpfchen. Ach was mit dem Schnaps, kommt wir trinken eine Flasche Wein.“

Die Klein schen Memoiren enthalten ein malerisches Stimmungsbild aus den Tagen des Klöppelkriegs:

„Tag für Tag kamen wir auf öffentlichem Platz bei der Lanne neugierig zusammen, einige schritten vor unserm Hause in einer Tabakrauchergesellschaft um die Tageszeitungen zu hören. (Zeitungen waren natürlich keine gedruckten Blätter, sondern die „Zeidongen“, die von Mund zu Mund gingen.) Es war abends, ein schöner Vollmond, und wenn ich mich nicht irre, so war es schon weit im Oktober 1798. Wir patschten und schmorrten unsre Pfeifen (Mundbrenner) nach Herzenslust. .... Nun, was giebt es Neues, wer weiß am meisten? Was habt ihr heute aufgefischt? N.B. Die Sektion von Hosingen hatte schon Schlachten geliefert und eben deswegen machten wir täglich die Runde. Da fingen dann manche zugleich an: zu Arzfeld haben sie die Franzosen schier alle geflämmt, zu Hosingen haben sie die Schandaren und alle Commissaires gefangen und eingesperrt ...“

Natürlich findet sich auch der treue Ekkehardt, der es besser weiß und den Heißspornen den guten Rat gibt, ruhig daheim zu bleiben.

Diese Memoiren Jakob Kleins sind ein so malerischer Beitrag zu unserer Kulturgeschichte, daß sie unbedingt in einer Buchausgabe der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden müßten.

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    Katalognummer BW-AK-015-3367