Wer ein Menschenleben lang in der geistigen Bewegung unserer Heimat steht, erlebt es wenigstens ein Dutzendmal, daß darüber ein Federstreit entsteht, ob unsere Zweisprachigkeit uns kulturell als Hemmung oder als Förderung ausschlägt.
Je nachdem sich einer darauf die Antwort zurecht macht, wird er sich für die Zweisprachigkeit einsetzen oder für das Deutsche oder das Französische das Monopol, mindestens aber eine Vorzugsstellung vindizieren.
Ich habe nie begriffen, wieso ein Luxemburger die Zweisprachigkeit nicht als wesentlichen Bestandteil seines nationalen Eigendaseins und ihr Verschwinden nicht als Anfang vom Ende dieses Zustandes nationaler Unabhängigkeit betrachten und demgemäß hochhalten konnte.
Unsere Muttersprache ist selbstverständlich unsere Mundart. Aber es geht uns mit ihr, wie mit unserm luxemburger Geld. Jenseits der Grenze gilt sie nicht. Im geistigen Verkehr mit unsern Nachbarn sind wir auf ihre zwei Sprachen angewiesen. Und indem wir beide beherrschen, sind wir nach beiden Seiten Kulturgenießer.
Das Genossene aber setzt sich durch geistigen Stoffwochsel in Kräftezuwachs, in geistige Materie um. Darans wird unsere Mischkultur, die so gewiß in ihrer Eigenart hoch zu werten ist, wie ihre Ingredienzien hoch zu werten sind.
Aber wie steht es, neben dieser passiven Kultur, die wir uns als Genießer aneignen, mit uns als Kulturproduzenten?
Als solche können wir, das muß einmal deutlich ausgesprochen werden, nur in. Betracht kommen, wenn wir als Gestalter durch Verarbeitung unseres eigenen seelischen, ethischen, gesellschaftlichen, folkloristischen, in einem Wort kulturellen Rohstoffes eine besondere Aufgabe erfüllen.
Kann man das von uns heute aussagen? Gehen aus unserer geistigen Werkstatt Schöpfungen hervor, die draußen assimiliert werden als ein Ausfluß und Bestandteil eigener, luxemburgischer Art?
In diesem Zusammenhang ist Norbert Jacques genannt worden. Aber dieser hat sich gewaltsam losgerissen, hat sich geräuschvoll in den nicht nur künstlerisch, sondern politisch nationalen deutschen, gelegentlich sogar auslandfeindlichen Kulturkreis eingeschaltet. Er schasst nicht mehr unbewußt, naturnotwendig aus einer Gesamtheit von Schwingungen heraus, die vom Wesen der luxemburger Heimat ausgehen; vielleicht in seinen ersten Werken hat sein Schassen noch den heimischen Wesenston, der dann so gut wie ausgelöscht wurde durch stärketes, manchmal ungeheures Erleben. Und in den letzten Büchern scheint das Geschäftsgenie über die reine Literatur hinauszuwachsen, die Knabenerinnerungen an die Heimat werden ohne inneren Zusammenhang mit ihr nur noch als phantastische Bestandteile von Pusselspielen verwandt, die ihren Daseinszweck erst mit ihrer Verfilmung erfüllen. Auf Norbert Jacques können wir uns nicht berufen, um zu beweisen, daß wir als Luxemburger im deutschen Schrifttum Fuß gefaßt haben.
Auch auf andere nicht, die meinen, es sei erreicht, wenn sie vom festen Boden einer Subskription aus einen deutschen Verleger anhaken, der ohne Risiko, sozusagen als bezahlter Vermittler, ihr Werk an den Leserkreis heronbringt. Das heißt nicht, freiwillig assimiliert werden. Denn die freiwillige Assimilierung beginnt beim Verlag.
Wir müssen uns durchsetzen. Der Ton liegt auf uns. Es genügt nicht, daß es einem von uns gelingt. gegen einen bestimmten Kostenbeitrag und allerhand Konzessionen ein Buch im Ausland drucken und verlegen zu lassen. Wir müssen uns von dem Fleck, auf dem wir stehen und stehen bleiben wollen, Gehör verschaffen. Wir müssen unser Eigendasein im weitesten Sinn als einen der Verarbeitung würdigen Rohstoff durchsetzen, ohne davon den kleinsten Bestandteil aufzugeben. Dafür ist es nicht notwendig, daß unsere Heimat stets der Schauplatz der Handlung sei, aber der Schauplatz der Handlung muß immer unsere luxemburger Seele sein. Wir müssen unserm Schaffen Insofern Anerkennung erkämpfen, als es in der besondern Geistesprovinz zuhause ist, die sich innerhalb unserer Grenzen entwickelt hat. Eine Anerlennung, die uns spontan vom Ausland gezollt wird und die wir weder durch Ausgeben unserer selbst noch durch Druckkostenbeiträge erringen können.