Original

15. Februar 1927

Also es ist einer die Neue Brücke herauf- und hinuntergeklettert. Wegen einer Wette, sagen sie. 200 Francs, 40 Belga. Pappenstiel! Ich habe mit Herrn Grimmberger darüber geredet. „Was ist dabei!“ sagte er geringschätzig. „Es ist an den dicken Quadern Platz die Menge, daß einer sich mit Händen und Füßen festhalten kann. Ich würde keinen Augenblick zögern, dieselbe Kletterpartie zu riskieren, wenn ich in jedem Moment das Gefühl hätte, daß ich nicht mehr als anderthalb Meter über dem festen Boden wäre.“

„Das ist es eben,“ wagte ich einzuwerfen.

„Was ist es eben?“

„Daß es nicht auf das Technische, sondern das Moralische ankommt. Jemand könnte fünfundsiebzigmal ohne fehlzugreifen die zwei untersten Quadern ersteigen und wieder abspringen, aber er hätte nicht den Mut, so hoch zu klettern, daß er wüßte: Wenn mir jetzt eine Hand entgeht, ist es Schluß!“

Grimmberger zuckte verächtlich die Achseln und meinte:

„Sie sind auch einer von denen, die mit dem Moralischen so viel Sums machen. Wenn ich nicht fürchtete, mich lächerlich zu machen, so kletterte ich morgen im hellen Mittag denselben Brückenpfeiler herauf und hinunter, nur um Ihnen zu zeigen, daß es nichts auf sich hat.“

„Vielleicht könnten wir nächstens einmal in einer hellen Mondnacht, wenn niemand um die Wege ist, das Experiment versuchen?“

„Ich bin dabei. Telephonieren Sie mir!“

Ich bin gespannt.

Einstweilen kann ich mich in die Empfindung jeder luxemburger Mutter versetzen, die den jungen Brückenkletterer vermaledeit, weil nun ihr Sohn dieselben Kletterlorbeern pflücken will und sie keine ruhige Stunde mehr hat.

Es ist übrigens merkwürdig, daß noch kein junger Luxemburger auf die Idee gekommen ist, die jetzt der junge Deutsche verwirklicht hat. Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber mir scheint, die Jugend von heute ist lange nicht mehr so verwegen, wie es ihre Väter und Onkel waren. Der lange Friede hat die Gesittung immer tiefer sinken lassen, und die heutigen Knaben und Jünglinge sehen auch schon mehr auf Geld. als auf Ruhm und träumen nicht mehr von Heldentaten, bei denen man gratis den Hals brechen kann.

Bei unsern Nachbarn hat der Krieg auf die heranwachsende Jugend anders gewirkt, als hier. Wir haben im Krieg höchstens hungern und schieben gelernt. Da draußen wuchsen die Knaben ohne Väter auf, und als die Väter und Brüder und Onkels heimkamen, erzählten sie von allerhand Abenteuern, die sie bestanden hatten oder hätten bestehen können und die in den Seelen der Jungen den schlummernden Wagemut aufpeitschten.

Dieser wirkte sich dann in Heldentaten aus, die teils harmlos, teils strafsällig waren. Der Mut, den einer braucht, um in Luxemburg die Neue Brücke herauf- und hinunterzuklettern, kann unter Umständen gewinnbringend angelegt werden, indem einer, der ihn besitzt, eine Hausfassade hinaufklettert. um im dritten oder vierten Stock in ein Zimmer zu gelangen und dort zu stehlen, was nicht angewachsen ist. Kein Bauernschreck hat je einen ländlichen Bezirk so mit Angst und Baugen erfüllt, wie die Berliner Fassadenkletterer eine Zeitlang die Bevölkerung der Reichshauptstadt. Dies war eine Spezialität geworden, die es in sich hatte, das Gefühl der Sicherheit zwischen vier Mauern zwanzig Meter hoch über dem Pflaster total zu durchlöchern.

Es ist, als sei das Fassadenklettern uns jetzt an der Neuen Brücke pasteurisiert, in harmlosem, bazillenfreiem Zustand vorgeführt worden.

„Natürlich - sagte Herr Grimmberger - natürlich mußte es wieder ein Ausländer sein, der es uns vormachte. Immer, wenn hier was Neues gemacht wird, das schon immer in der Luft lag, ist es ein Auskänder. Die ersten Kellnerinnen hat uns damals der dicke Pulvers gebracht, unsere Handwerkerschule ist von einem von drüben gegründet, wo man um sich schaut, überall erblickt man Intriativen, die von jenseits der Mosel kommen. Und nun muß uns wieder einer von draußen zeigen, wie man die Neue erklettert.“

„Beruhigen Sie sich, Herr Grimmberger. Sehen Sie dort hinaus, Johannisberg, Zolver Knapp, die Rauchsäulen der Hochöfen. Die drüben das Rad in Schwung brachten, das waren immerhin Luxemburger und das ist schließlich doch auch was wert.“

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3369