Der Rodangefeier entsteht ein willkommener und meist sympathischer Nachklang in der Arbeit des Arloner Philologen Dr. Fr. Léger: „M. Rodange’s Tierepos «Renert»,“ das, lange angekündigt, nun im Verlag der „Jongheemecht“, Esch a. d. Alz., erscheint.
Die Einleitung zu dem rein wissenschaftlichen Teil bildet eine Biographie des Dichters, hauptsächlich nach der ersten bekannten von Nik. Welter. Was Léger aus, andern Quellen hinzutut, ist nicht immer einwandfrei. Zumal die Schlaglichter, die da auf den Charakter Rodange’s fallen, zeigen ihn in durchaus falscher Beleuchtung, und so allgemeine Verbreitung dem Werke des Arloner Professors zu wünschen ist, so energisch muß auch darauf gehalten werden, daß diese Stellen seiner Arbeit nur mit dem nötigen Protest an die Leserwelt gelangen.
Auf Seite 13 findet der Verfasser, daß des Dichters Gemüt „offenherzig und gerecht war“ .... „Heuchelei und Lüge waren ihm stets ein Greuel. Gute Witze fanden bei ihm den freudigsten Beifall.“
Diese Charakterzüge hätten genügt, den ganzen „Renert“ zu erklären.
Leider beschränkt sich Léger nicht darauf. Er gibt die dedauerliche Legende von der Verbitterung des Dichters weiter, die aus anonymen Tiefen stammt und mit der obigen, kurzen und zutreffenden Charakterskizze so gar nicht stimmen will. Aus dieser falschen Prämisse zieht der Verfasser sogar manchmal Konsequenzen, die ein leises Kopfschütteln erregen. „Er fühlte sich sehr verbittert, persönlich am öffentlichen Leben seines Landes nicht teilnehmen zu dürfen. (Weil er nicht zu den 30 Franc-Wählern gehörte.) Diese tiefe Verbitterung machte sich in seinem heißen Wunsche Luft, das französische Kaisertum gestürzt zu sehen.“
Der Zusammenhang ist rätselhaft.
Mit der Verbitterungslegende will es sich auch nicht reimen, daß Rodange, trotz dem buchhändlerischen Fiasko des «Renert», „mit in die allgemeine Heiterkeit einstimmte. die das Buch weckte“.
Wir treffen bei Léger auch wieder auf eine Darstellung, die jeder inneren Wahrscheinlichkeit und jedes äußeren Beleges entbehrt. Er schreibt: „Rodange hatte in seinem Leben so viele Enttäuschungen erlebt, war durch so zahlreiche Mißhelligkeiten gekränkt worden, man hatte ihm derartige Schwierigkeiten in den Weg gelegt, daß der Schmerz darüber in Verbitterung ausartete. die sich im „Renert“ Luft machte. Eine politische Partei schob dann den Dichter vor, und ehe er sich der Sache selbst bewußt war, galt er als Sinnbild, als Bannerträger der Partei und wurde selbst das erste Opfer des politischen Parteispieles, welches das Großherzogtum der siebziger Jahre aufregte.“
Das verstehe, wer kann. Die Verbitterungstheoretiker müßten sich erst darüber einigen, ob Rodange seinen „Renert“ schrieb, weil er verbittert war, oder ob er verbittert wurde, weil er totgeschwiegen wurde. Ferner: Wenn einer von einer Partei vorgeschoben und zu deren Bannerträger wird, so ist doch in der Regel das Letzte, was ihm geschehen kann, daß man ihn totschweigt. Also?
Den besten Maßstab für die Art, wie manche Ausfälle im „Renert“ maßlos ins Boshafte, Gottlose usw. übertrieben werden, gibt Léger S. 28, wo er schreibt Rodange habe sich der Episode des Rehbocks und des Hasen bedient, „um seinen Hohn über das Meßopfer ergehen zu lassen“. Wer diese harmlosen und humorvollen Strophen gelesen hat, die Herr Franz Geib uns am 3. Januar so urwüchsig echternachisch vorgetragen hat, greift sich an den Kopf bei einer solchen Auslegung. Dasselbe läßt sich von der sittlichen Entrüstung über alle andern „berüchtigten“ Stellen des «Renert» sagen. Rodange schwang in der seelischen Atmosphäre des Volkes. Und wer ins Volk hineinhorcht, kann tagtäglich von den Besten und Frömmsten, wenn die Rege grade darauf kommt. Ausdrücke hören, die denen des Rehbocks in keiner Weise nachstehen. Es weht heute ein viel frischerer Wind durchs Land, als vor fünfzig Jahren, und um den „Renert“ zu beurteilen, sollte man es doch endlich aufgeben, ihn aus dem Augenwinkel der Mucker von dazumal zu betrachten.
Davon abgesehen aber ist der Arbeit Dr. Léger’s nur Lob zu spenden. Sie ist durchaus nach den klassischen wissenschaftlichen Methoden der deutschen Philologie aufgebaut und durchgeführt und von einer Gründlichkeit, die in Erstaunen setzt. Das höchste Lob. das dem „Renert“ literarisch gespendet werden konnte, war, daß ein Wissenschaftler ihn solcher Bearbeitung für wert hielt. Hier ist er um und um beleuchtet, zerpflückt, auseinandergenommen wie eine Uhr. Der Verfasser zeigt uns daran jede Schönheit, wie an einer alten, kostbaren geschnitzten Truhe jeden Schnörkel. Wer den „Renert“ gelesen hat, ist erstaunt, wenn er bei Léger feststellt, wieviele Schönheiten ihm entgangen sind, die hier hervorgehoben werden; wer ihn nicht gelesen hat, dem wird diese Arbeit unbezähmbare Lust darauf machen.
Andere werden sie wissenschaftlich nach Gebühr würdigen. Hier sollte darauf nur hingewiesen werden als Propaganda für den Menschen und Dichter Rodange und sein Lebenswerk.