Original

17. Februar 1927

Schon von ferne sah ich am diesseitigen Brückenkopf Leute stehen, die gespannt ins Petrußtal hinunterschauten.

Mein erster Gedanke war natürlich der zahme Fassadenkletterer.

Als ich hinkam und mit all den andern hinuntersah, war gar nichts zu sehen.

Das Tal war leer. Nur der trübe Bach lag im hellen Licht, grau wie das Auge eines Blinden, und spiegelte den blauen Himmel, was eine richtige Schande war. Als ob ein kranker Wüstling eine reine Jungfrau liebte.

Aber nicht ihm galten die neugierigen Blicke, sondern dem Brückenpfeiler, an dem sich das Bravourstück vollzogen hatte.

Ich wandte mich an einen Mann, der mir mit am aufmerksamsten das nicht vorhandene Schauspiel anzustaunen schien:

„Was ist hier los?“

„Ja, lieber Herr, ich weiß auch nicht, warum die Leute da hinuntergucken.“

„Stehen Sie schon lange hier?“

„Ziemlich. So zirka eine Viertelstunde.“

„Und haben gar nichts gesehen?“

„Gar nichts.“

Da stellte ich mich zu ihm und sah ebenfalls hinunter, parallel mit all den andern. Da war eine Hausfrau, die vom Markt kam, sie hatte ihr Netz mit dem Kohlkopf, den paar Äpfeln, Eiern und dem Pfund Butter auf die Mauerbrüstung gelegt und blickte träumerisch in die Richtung des besagten Pfeilers. Wovon Hausfrauen träumen? Drei Lyceistinnen, die ihre Mappen mit beiden Händen hinterm Rücken festhielten, eine beliebte Stellung bei Lyceistinnen, standen ebenfalls an der Mauer und sandten staunend ihre Blicke in die Tiefe, während hinter ihnen vier Pennäler es vorzogen. die Commilitoniunen vom Staudpunkt der Anatomie ins Auge zu fassen. Ein paar alte Herren, denen man den Zustand der Pensioniertheit ohne weiters ansah, standen nebeneinander, die Spazierstöcke in den rückwärts verschränkten Händen, an der Brustwehr; ihre Mienen waren aufmerksam und sorgenvoll, von jener aufmerksamen und sorgenvollen Abgeklärtheit, aus der die Schärfe des Verantwortungsbewußtseins verflogen ist. Sie dachten offenbar nach über der Zeiten Verderbnis, die wir dem Kinematographen verdanken, mit dem Tu auf der Silbe Kin. Auch ein Polizist war durch die Zusammenrottung. Unfug oder Unheil witternd, angelockt und erläuterte einem hübschen Kindermädchen, während es das Wägelchen mit Inhalt beschwichtigend hin- und herschob, die Technik des Brückenkletterns. Er war der Einzige, der ein Wort sprach. Und auch er flüsterte eigentlich nur. Alle andern verharrten in andächtigem Schweigen.

Es war ein erquickender Anblick. Mitten in dem fieberhaften Jagen und Hasten der Neuzeit stand da ein Haufen Menschen, die Zeit übrig hatten, die nichts zu verlieren hatten, die nicht vom Tagewerk gehetzt waren, die friedvoll einer gemütlichen Neugier sich hingaben.

Tags drauf dasselbe Schauspiel.

Und am dritten Tag wiederum.

Junger Mann aus der Fremde, Sie haben hier Ihre Furche gezogen. Ich weiß nicht, wo Sie inzwischen hingeraten sind. Vielleicht sitzen Sie in einer Kaschemme und sinnen auf fernere Heldentaten, vielleicht stehen Sie an einer Werkbank mit Hammer oder Feile, oder Sie sind schon fröhlich wieder. auf der Walze und leben Ihr Leben die Landstraßen entlang. Aber in unserer Mitte sind Sie fortan unsterblich. Sie haben sich in unsere Geschichte inkrustiert, wie die Fliege in den Bernstein. Es werden sich Legenden um Sie bilden, wie um den Peter Unruh. Es werden Straßen nach Ihnen benannt werden.

So hinterläßt alles Große sein Weiterschwingen auf dem Fleck, wo es sich abspielte. Unsere Brücke wird berühmt werden. weil Sie sie beklettert haben, wie eine Geige berühmt wurde, weil Paganini darauf gespielt hatte.

Die Menschen werden immer mit Neugier ein leeres Etui betrachten, von dem es heißt, die russischen Krondiamanten hätten darin gelegen. Sie werden immer zu den Schlachtfeldern pilgern, auf denen der Tod Orgien gefeiert hat. Und sie werden immer mit Ehrfurcht einen Brückenpfeiler betrachten, an dem jemand bei Gefahr seines Lebens hinaufgeklettert ist.

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    Katalognummer BW-AK-015-3371