Original

18. Februar 1927

Man denkt an den alten Gladstone, man denkt an Schweineschlachten auf dem Dorf, an Tod und Leben, an Frühling, Sommer, Herbst und Winter und an sonst noch allerhand, wenn man die Straßen entlang in diesen Tagen das große Bäumeschlachten sieht.

Ein Mann haut die Axt in den Stamm des alten Kastanienbaums. Span um Span fliegt aus dem hellen Holz. Und ein leises Zittern fliegt bei jedem Hieb dem alten Kerl bis in den Wipfel hinauf. Es muß ein Urmenschgefühl sein, so die Axt in den Baum zu hauen, zu zerstören, zu morden, um zu leben, das heißt in diesem Fall sich zu wärmen, wenn der nächste Frost einem nach den Eingeweiden greift. Vom alten Gladstone weiß man, daß er bis in sein hohes Alter keine liebere Erholung kannte, als die Eichenveteranen in seinem Park mit der Axt umzuhauen.

Da liegt eines der schönsten Exemplare quer über die Straße. Männer und Frauen hantieren an ihnen herum. Schweineschlachten. Der Kadaver liegt auf der langen, hohen Waschbank. Die Schweinsäuglein sind geschlossen und in dem Gesicht, dessen Rüssel noch die- jenigen des Erdenwallens trägt, ist ein Ausdruck persönlicher Vergnügtheit. Der Mann leert die dampfenden Eingeweide in einen Behälter, wie Kohlen aus einem nicht ausgebrannten Ofen, die Frau geht ihm den Eimer und Schüssel zur Hand, er schneidet das elschwänzchen, die Füße, die Ohren ab. Genau machen sie es mit dem gefällten Kastanienbaum. sie schneiden ihm Äste und Zweige ab und lassen den Stamm liegen, bis er zersägt werden kann, ganz wie der Rumpf des toten Grunzers des Messers und der Säge harrt, die ihn für, das Pöckelfaß zer.

Es ist hart, wenn man ein Kastanienbaum in den besten Jahren ist, so knapp vor dem Frühling ins Gras beißen zu müssen. Man hatte schon des Frühlings einen Hauch verspürt, es war schon milde Gelt in der Luft, von der schlaftrunkenen Erde herauf kam schon Botschaft, daß die Säfte steigen wollten, und freute sich der Tage, wo man seine harzglänzenden, geschwollenen Knospen in die junge Sonne strecken würde und wo ihr die zarten, zierlich gefaltenen chen entsprossen, wo im Lenzlaub die tausend tenkronleuchterchen stehen würden, wo in lauen Nächten Verliebte sich Stelldichein geben, die Leuchtrchen fliegen, die Nachtigallen schlagen würden. So in der stachlichten Hülle die braune Frucht mit der lichen Maserung reifen würde, sie, die unter den ern Früchten ist wie ein liebenswürdiger Müßiggänger, der zu nichts gut ist, als daß sich die Kinder an seiner Schönheit freuen. Und dann wären die goldnen Herbsttage gekommen, wo die Blätter in Schönheit sterben, und die Ruhe des Winters, in der man den weißen Schneepelz würdevoll trägt, und dann wieder der Frühling und so weiter, bis die gute Mutter Erde gesagt hätte: Jetzt warst du lange genug draußen, jetzt komm wieder heim.

Aber das alles wird nun nicht mehr sein. Knapp vor dem Fest wird einem die Axt an die Wurzel gelegt und man muß den Weg alles Holzes gehen. Es ist hart.

Nicht nur für den alten Kastanienbaum. Manch einer ist nun Jahr um Jahr an ihm vorbeigegangen und kennt ihn, wie einen Jugendfreund. Er hat ihn womöglich pflanzen gesehen, kaum daß die Festungswerke zu verschwinden begonnen hatten, kaum daß die Dächer auf den zwei oder drei ersten Häusern lagen, die an diesen Straßen erstanden waren. Er war Zeuge, wie vor Jahrzehnten die erste Elektrizitätsgesellschaft ihre Kabel durch die Wipfel der Kastanienbäume legte und sie verstümmelte, daß sie aussahen, als hätten sie auf einem Schlachtfeld gestanden. Und morgen wird es heißen: Sie waren! Und wenn die Buben und Mädels, die heute aus dem Geäst der en Bäume sich Gerten schneiden, einmal Kinder und Enkel haben, werden sie ihnen erzählen: Ich kann mich noch erinnern, daß hier die Straße entlang Kastanienbäume standen.

Sie waren nicht schön. Schöne Kastanienbäume gibt es nur auf dem Paradeplatz und in der Scheffer-Allee. Das sind die alten, richtigen Allee-Kastanienbäume. Die lyraförmig in die Höhe gezogen sind. Was nachher gepflanzt wurde, ist stilloser Ausschuß.

Wenn die nun gefällten Straßenbäume ersetzt werden, läßt man hoffentlich keine Schuster damit gewähren.

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    Katalognummer BW-AK-015-3372