Original

19. Februar 1927

„Willst du eine Zigarette rauchen?“ fragte ich Frantz. (Mit tz, um ihn von den andern, gewöhnlichen Banausen-Franzen zu unterscheiden.)

„Ich will eine Zigarette rauchen,“ sagte er.

„Gelb, schwarz?“

„Höhöhö!“ lachte er Hohn und zwirbelte au seinem Rembrandtspitzbart.

Dann langte er zutiefft in die Seitentasche seines Rockes und legte auf den Tisch etwas Falbrosafarbenes, Verkrumpeltes, das nach unten verschwommen die Form seines Spitzbarts hatte, daneben ein anderes Verkrumpeltes, Weißes, so groß wie ein Taubenei.

Unter beständigem, haldlaut hervorgestoßenen Höhöhö! entklaubte er diesem Taubenei ein dünnes Blättchen, das er sorgfältig glättete und zu einer Rinne bog.

Dem ersten Vertrumpelten, in dem ich nunmehr eine Tabakdüte älteren Datums erkannte, entnahm er braunen Tabak, soviel zwischen die Spitzen von Daumen und Zeigesinger ging. Diesen Tabak breitete er länglich gezogen in die Papierrinne aus und dann begann er zwischen beiden Daumen und beiden Zeigefingern das Ganze mit unglaublicher Geschicktheit zu einem fingerlangen Zylinder von Bleistiftdicke zusammenzurollen.

Vorn und hinten entzupfte er diesem Zylinder, was von Tabakfäden daraus hervorquoll.

„Gewiß will ich eine Zigarette rauchen!“ lachte er in sich hinein. „Du glaubst nicht, wieviele Menschen sich einbilden. Zigaretten zu rauchen und wie wenige davon wirklich Zigaretten rauchen. Ich gehöre zu den wenigen. Siehst du, ich stelle mir den Werdegang des Tabaks ungefähr so vor. Neben einem Reisfeld wuchsen Tabakpflanzen. Im Herbst wurden die Tabakblätter braun. Eine Regerfrau warf eine trockne Tabakstaude ins Feuer, und sämtliche Reger sogen den Dust des brennenden Tabaks gierig in die Nasen.

Das war die erste Art. Tabak zu rauchen.

Dann kam ein Neger auf den Gedanken, ein zerkrümeltes Tabakfeld in die Haut eines Maiskolbens zu wickeln und dieses Gebilde in Brand zu halten, indem er daran sog. Das war die erste Zigarette. Und die beste. Ich habe keine Maiskolben, darum nehme ich Zigarettenpapier.“

„Ist es denn nicht viel bequemer, die fertige Zigarette aus dem Etui zu nehmen ....?“

„Ich weiß. Wie ein Filmstar. Griff ins Etui, Ausklopfen auf dem Daumennagel, in elegantem Schwung die Zigarette zwischen die Lippen gebracht, angesteckt - sogar im Wegwerfen des Streichholzes verrät sich der Künstler. Nein, du, ich habe allen Respekt vor den fertigen Zigaretten, ich schätze eine Cachet rouge und eine Caebet bleu sehr hoch, aber für mich besteht das Zigarettenrauchen nicht einsach darin, daß man ein brennendes Röllchen aus Papier und Tabak durch Einziehen der Luft zwischen den Lippen in Asche verwandelt, sondern es besteht aus einem ganzen Prozessns, der in seinem Ablauf einen Genuß mit Steigerung gewährt. Das Zigarettendrehen wird zur Kunst, und das Ausüben dieser Kunst ist ein Genuß an sich, wie Violinspielen oder Flötenblasen. Dann kommt die Freude an dem gelungenen Kunstwerk, und dann erst der Sinnengenuß aus Geschmack und Duft des brennenden Tabals. Wer seine Zigaretten fertig kauft, betrügt sich um das erste Stadium. Und außerdem, das Zigarettendrehen ist die beste Gewähr gegen Mißbrauch des Nikotins. Es ist die gezwungene Pause im Kettenrauchen.“

Also redete. Frantz und drehte sich eine Zigarette nach der andern. Was nicht hinderte, daß er am Ende des Gesprächs das gelbe Päckchen, das ich im Bereich seiner Hand auf den Tisch gelegt hatte, ebenfalls leer geraucht hatte.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3373