Ob der Mensch vom Affen abstammt, oder ob sich der Affe an einer gewissen Weiche der Entwicklung vom Menschen getrennt hat, an einem Punkt, wo es sich um die Wahl zwischen Vernunft und Instinkt handelte, und ob er es da vorgezogen hat, ohne die sogenannte Vernunft unerleuchtet im dunkeln Schoß der Natur zu bleiben, das alles sei dahingestellt.
Aber die Frage stellt sich Dir von neuem, wenn Du im Schaufenster Wierschem den Bronze-Gorilla betrachtest, den Gust Trémont in Paris geschaffen und den ein luxemburger Kunstliebhaber seiner Schatzkammer einverleibt hat.
Bevor Du indes über Evolutionstheorieen Dir den Kopf zerbrichst, schenkst Du vielleicht dem Künstler einen Gedanken. Es wird Dir vielleicht bewußt, was alles sein mußte, damit ein paar Kilo Bronze sich zu solchem reichen Extrakt ungemeiner Schönheit kondensierten: daß da in einem jungen Menschenhirn die Welt der Erscheinungen so unwiderstehlich vibrierte, daß der Besitzer dieses Hirns nicht leben konnte, ohne den Schwingungen zu gehorchen und in ihrem Weitergeben das Gesehene und das ins Gesehene Hineinempfundene nachzuschaffen. Daß es ihn trieb, mitzubrennen in dem ungeheuern Herd, in dem durch Lust und Pein die Künstler der Welt sich läutern, bis von ihnen bleibt, was sie wirklich können, ob es viel sei oder wenig. Daß er dies Werk in sich erlebt, ausgetragen und an den Tag gebracht hat in heißen Wehen, in Stunden des Zweifels und Stunden der glücklichen Sicherheit, draußen im Angesicht der lebendigen Wirklichkeit und drinnen zwischen den vier Wänden seines engen Pariser Ateliers, wo die Jubelhymnen seines Schöpfergenusses Tag u. Nacht erklingen möchten - - bis endlich diese ungeheure Bejahung von Form und Bewegung, diese Aufpeitschung von Urwesentlichkeiten der Lebenswerdung, dies Wunder vatürlicher Anpassung an die heiterbrutalen. Notwendigkeiten des Daseins entstehen konnte. Jede Spannung in Nerv und Muskel dieser lebendigen Kampfumsdaseinsmaschine ist der Neflex eines Bedürfnisses, einer Gefahr, einer Drohung oder Lockung, die von außen an die Maschine herantritt, alles dient dem Instinkt des Ansichreißens oder des Zermalmens und Fortschleuderns, und Du hast das Empfinden, vor einem Mechanismus zu stehen, der bis zur letzten Umdrehung angespannt ist, aus dem beim nächsten Reiz die Bewegung in rasendem Tempo und mit unwiderstehlicher Wucht explodieren wird, um den tödlichen Willen znm Leben durch alle Feindseligkeiten wie Stahl unbändig durchzubohren, damit sich ein Wesen durchsetzt, das nur einem Gesetz gehorcht: Leben!
Sieh ihn an, versache, alles Menschliche, Nurmenschliche aus Dir hinauszudenken, Vernunft, Moral, Seele, Rücksicht, Erbarmen, Klugheit, Schönheitssinn, Glauben - suche Dich nur zu empfinden als das System von Muskeln und Nerven, das einzig unter dem einen Antrieb steht, nicht aufzuhören - und frage Dich, ob die Gesetzmäßigkeiten, die sich in jenem Tierkörper durch Jahrtausende als Abwehr segen die Feindseligkeiten des Lebens herausgebildet haben, nicht zutiefst in Deiner eigenen Körperlichkeit liegen, die dieselbe Entwicklung nur deshalb nicht mitgemacht har, weil sie durch ein Höheres dem Handgemenge mit jenen Feindseligkeiten entrückt ist. Aber die tyrannische Schönheit dieser Gesetzmäßigkeiten wird Dir durch solches Gedankenexperiment klar, und Du bringst Dich dadurch dem Verständnis für den Künstler näher, der sie in mühevoll ausgetragenem Werk verkündet.