Original

22. Februar 1927

Diese Tage standen und stehen im Zeichen des Theaters, zumal des Liebhabertheaters. Und da wäre es vielleicht an der Zeit, das eine oder andre zu betonen, was unsrer Dilettantenbühne aus dem Schlamassel heraushelfen könnte.

Aus dem Personal der „Arbed“ hat sich vor einigen Wochen eine Liebhabertruppe gebildet, die am vorigen Freitag und Sonntag ein zirka dreißig Jahre altes luxemburger Vaudeville „De Mononk Phlepp“ zur Aufführung brachte.

Das Stück war im Lauf der drei Jahrzehnte seit 1894 wiederholt hier und auswärts aufgeführt worden, jedesmal mit Erfolg. Aber so plastisch und mit solchem Tempo war es nie herausgekommen, wie diesmal. Es war darin ein Zug, ein Relief wie nie zuvor. Abgesehen von den Einzelleistungen, hinter denen man den fachmännischen Drill mit Händen griff, war im ganzen Ablauf eine lückenlose Lebhaftigkeit, in keiner Sekunde kam das Gefühl auf: Da, jetzt bleibt die Maschine stehen!

Das war: Über dem Ganzen hatten Hirn und Hand eines der besten Regisseurs der Gegenwart gewaltet. Amateuraufführungen sind immer mit Lücken, mit „Fading“ durchsetzt, wie manchmal der Rundfunk; das Schwungrad geht derart langsam, daß man ängstlich der nachsten Sekunde entgegensieht, wo das Rad nicht mehr über den toten Punkt hinweglommen wird. Die Regie hatte in solchen Fällen nicht erkannt, wo die Wirkungen liegen und hatte nicht ihr Tempo von Wirkung zu Wirkung abgemessen, oder vielleicht hatte auch der Autor sich dem widersetzt, daß Unwichtiges unbetont blieb. Niemand sieht gerne zu, wenn seinem Kind etwas herausgeschnitten wird, sei es auch nur der Blinddarm.

Hier lag das Geheimnis des Erfolges in der Regie. Durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen war Jules Delacre, der Gründer und Direktor, in mehreren Hauptsachen der Molière des leider verschwundenen Théâtre du Marais von Brüssel, während der Proben abkömmlich und konnte die Einstudierung, die Regie, die Inszenierung und die Bühnenausstattung in die Hand nehmen.

Das Resultat war demgemäß.

Jede dilettantische Unbeholfenheit war aus dem Spiel verflogen. Der Dialog, durch treffsicheres und wohl abgewogenes Gebärdenspiel begleitet, floß ohne Stoß und Hemmung, die Szenen griffen so natürlich ineinander, daß das Logische der Handlung sich daraus als selbstverständlich ergab, jede Wirkung war klar und körperlich herausgestellt, kurzum, man hatte es in allen Teilen mit einem Kunstwerk zu tun, das außerhalb des Stückes als eine durchaus selbständige Tat zu werten ist.

Schlußsolgerung: Was unsrer Liebhaberbühne vor allen Dingen fehlt - außer den Urmängeln, die in ein andres Kapitel gehören -, das ist die Regie. Das ist die Arbeit des Regisseurs, der sich ein Stück vornimmt, sich den ganzen Ablauf der Handlung, alle Stellungen, Auftritte, Abgänge, alle Wirkungsmöglichkeiten im voraus zurechtlegt und die Mitwirkenden dazu bringt, daß sie ihr Spiel zu dem Bilde fügen, das er sich von dem Ganzen gemacht hat.

Damit aber einigermaßen Aussicht auf Verwirklichung dieses wesentlichen Petitums vorhanden sei, muß vor allen Dingen ein durch Liebe zur Sache, Disziplin und Interesse zusammengehaltener Körper da sein, über den sich der Regisseur Autorität verschaffen kann - abgesehen von der Autorität, die ihm seine Sachkenntnis verschaffen muß.

Nun, die eine Voraussetzung ist ja nun durch die Gründung des „Atelier“ geschaffen. Und es konnte ihm für sein Debüt von morgen abend im Stadttheater nichts Glücklicheres widerfahren, als daß sich Herr Jules Delacre in liebenswürdiger Weise bereit erklärt hat, wenigstens in den paar letzten Proben noch ein wenig nach dem Rechten zu sehen. Die bühnengewohnten Spieler, die morgen abend vor das Publikum treten, werden sich von seinen fachmännischen Ratschlägen noch Manches zunutze machen können.

Wir haben hier noch eine unfreiwillige Unterlassungssünde zu beichten und zu bereuen. In unserm Bericht über die Première des „Mononk Phlepp“ in der Arbed war Herr J. P. Cloos, der Vertreter der Titelrolle, vergessen worden. Niemand ist auf den Gedanken gekommen, daß es geschehen sei, weil er seine Rolle nicht ganz vorzüglich gespielt hätte. Denn er hat sie ganz vorzüglich gespielt. Um seine ganze Person war eine Atmosphäre von Gemütlichkeit, von Gueuze-Lambic, von Aal in grün, er glich so vielen Luxemburgern, die es in Belgien zu behäbigem Wohlstand gebracht haben, er plätscherte in seinen Erlebnissen herum, als sei er ins Wasser gefallen, aber in wohlig lauwarmes Wasser, kurzum, er war ganz der „Mononk Phlepp“, den man sich beim Klang dieses Namens vorstellt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3375