Sie sagen immer noch, daß das Handwerk einen goldnen Boden hat. Und es muß wahr sein. Nicht, allerdings, wie viele glaubten: daß das Handwerk eine Art Korb oder Kiste oder Eimer mit einem Boden von ettelm Gold wäre, und daß man Eimer, Kiste oder Korb nur auf den Kopf zu stellen bräuchte, um den Boden herauszubrechen und sich damit eine gute Zeit machen zu können.
So war es nicht gemeint. Sondern so, daß das Gefäß bis an deu Rand voll Arbeit ist, und daß einer nur durch die Arbeit bis zum Gold auf dem Boden gelangen kann.
Es ist also nicht wahr geworden, daß der Maschinismus das Handwerk in Grund und Boden stampfen würde. Die Handarbeit ist in die Reihe der Luxusartikel eingerückt. Je mehr jemand Geld hat, desto mehr verabschent er die Massenware und desto höher schätzt er das Handgemachte. Das ist einer der köstlichsten Vorteile des Reichtums, daß er das Einzelgehen, die Losgelöstheit von der Masse ermöglicht. Wenn das nicht wäre, hätte der Automobilismus der Eisenbahn nie so viele Kunden entführt.
Wer es machen kann, läßt sich seine Schuhe lieber nach Maß bauen, als daß er in ein Schuhgeschäft geht; Maßarbeit gilt gegen Konfektion immer als das Kostbarere, trotzdem diese sehr oft über die bessere Form, die besseren Fachleute verfügt. Aber das Glück der Persönlichkeit!
Also das Handwerk sitzt nach der Sintflut des Maschinismus auf dem Berg Ararar so sicher, wie es will. Dies gilt nicht von allen, aber von manchen Handwerken.
Müßte ich eines davon erlernen, so würde ich mich heute unbedingt für die Buchbinderei entscheiden.
Ich brachte dieser Tage meinem Buchbinder ein altes Exemplar „Renert“, erste Ausgabe, zum Einbinden. Ich wollte natürlich das Beste. Er zeigte mir die Mappe mit seinen farbigen Ledern. Er hängte ein Felt nach dem andern auf die gespreizten Finger der Linken und streichelte es mit der Rechten, hielt es gegen’s Licht, dehnte es, liebkoste es, wußte vor Verliebtheit in das schöne Material nicht mehr, zu welchem er mir raten sollte.
Er hatte eine geräumige, lustige Werkstatt. Au den Wänden hingen farbige Bilder, Stiche, eine Tafel mit der Abbildung sämtlicher Fische, die unter unsern Breiten vorkommen - denn mein Buchbinder ist auch leidenschaftlicher Fischer -, im Raum waren die Maschinen verteilt, auf den Tischen lagen Bücher, sertig, halbfertig gebunden, broschiert, viele vergriffen und zerlumpt, die der Bekleidung harrten ..... Ich, kam mir vor, wie in einem großen Damen- und Herrenschneider-Atelier. Da waren welche, die wollten eine blaue Arbeiterkluft, einen Overall, andere einen gutbürgerlichen Straßenanzug, andere träumten höher hinaus, noch höher, am höchsten. wo jene weichen Leder schimmern, und die Rücken in Golddruck, und Goldschnitt und alle die Kostbarkeiten der Prachtbänke.
Da wurde mir die Schönheit des Handwerks offenbar das sich bis zur Kunst hinaufsteigert. Und der Reiz, der Werkstatt, von der Dorfschmiede in der sich Männer und Burschen zu Scherz und Kurzweil zusammenfinden, bis hinauf zu den Ställen der wirkenden Kunst, wo die Flügel des Geistes rauschen dieses Raumes, in dem sich der Schaffenstrieb lebendig am Objett auswirkt, wo der Meister zwischen seinen werdenden und fertigen Werken einhergeht, er allein ein König in seinem Reich, dem Reich seiner Arbeit, ein Mensch, dessen Kräfte harmonisch zwischen Hand und Hirn im Umkreis seiner Pflichten bewegt werden ....
Wenn ich jetzt meinen alten „Renert“ zur Hand nehme, lese ich darin mit unendlich größerem Genuß, als früher. Er stellt in seinem dunkelgrünen Ledereinband etwas Endgültiges, Unzerstörbares, mir unbedingt Eigenes dar. In seinem alten, grauen Gewand war er wie ein armer, vernachlässigter, unrasierter Landstreicher mit der Seele und dem Mund eines Dichters: Jetzt ist er ein lieber, anmutiger Hausgenosse, der zur Familie gehört und mit dem man Staat macht.
Wer weiß, ob ich nicht doch noch Buchbinder lernen werde? Später vielleicht?