Original

25. Februar 1927

Ein Mann ging durch die Großstraße.

Er war in Gedanken versunken. In trübe Gedanken. Er sah der Zukunft Vorhang wallen, und der Vorhang war weder aus lichter Seide noch aus reichem Semt, sondern aus gemeinem, proletarisch grauem Barchent, dem Armeleutestoff, den wir „Deiwelstaark“ nennen. Und hinter dem Barchentvorhang sah es, wenn ihn ein Windstoß lüftete, dunkel und unerfreulich aus.

Der Monn machte in Gedanken eine Rechnung auf. Auf der Habenseite sah er nichts, auf der Sollseite eine lange Reihe schwerer Posten.

Erstens: Seine Frau war ihm, trotzdem sie eine rüstige Vierzigerin war, mit seinem besten Freunde durchgegangen.

Seine Tochter hatte sich gegen seinen Willen mit einem jungen Mann verlobt, der als der leidenschaftlichste Pokerspieler der Stadt bekannt war.

Sein Sohn war gestern zum dritten Mal in diesem Monat von der Polizei im Wirtshaus aufgeschrieben worden.

Die Papiere, die er vorigen Samstag gekauft hatte, sanken konsequent um dritthalb Punkte von einem Tag zum andern.

Das neue Haus, an dem er baute, kostete ihn nun schon das Doppelte des Voranschlags.

Außerdem hatte er ein Hühnerauge, das ihn schmerzte, einen Hexenschuß und Unterleibsverstopfung.

Er war in der Laune, in der man den rechten Zeigefinger wie einen Pistolenlauf an die Schläfe setzt und auf die Welt spuckt.

Wenn ein Bekannter ihn fragte: „Wie geht’s?“, biß er zurück: „Danke, miserabel!“

So ging er mit gosenktem Kopf fürbaß, als plötzlich von einem Baugerüst ein Balken heruntersauste und mit lautem Krach vor die Füße des unglücklichen Mannes aufs Pflaster schlug.

Da durchfuhr es den unglücklichen Mann wie eine Flamme, die in Gestalt eines gotteslästerlichen Fluches aus seinem Munde loderte.

Ein Arbeiter, der daneben stand, sagte ruhig: „An Ihrer Stelle würde ich nicht fluchen, Meister, sondern ich würde mich freuen und dem Herrgott danken, daß mich der Balken nicht totgeschlagen hat.“

Der unglückliche Mann ging seines Weges und etwog die weisen Worte des Arbeiters in seinem Herzen. Und er fand auf einmal, daß er gar nicht so unglücklich war, wie er es sich eingebildet hatte, da es ja noch so unendlich viel schlimmer hätte kommen können.

Und er revidierte seine Rechnung von vorhin.

Wer weiß, dachte er, vielleicht ist mein bester Freund schlimmer dran, als ich? Wer weiß, ob mein künftiger Schwiegersohn nicht mehr Glück, als Pech im Poker haben wird? Wer weiß, ob mein Junge nicht aus einem Windhund noch ein ganz ordentlicher Mensch wird? Man war ja auch einmal jung! Wer weiß, ob ich auf meinem neuen Haus übers Jahr nicht die Hälfte verdienen werde? Wer weiß, ob meine Papiere sich nicht wieder erholen werden? Und außerdem, mein Hühnerauge werde ich schneiden. meinen Hexenschuß massieren lassen, morgen früh trinke ich eine Flasche Mondorfer, dann ist alles wieder in Ordnung. Die Hauptsache ist: Man lebt!

Trotzdem, lieber Leser, möchte ich Dir nicht raten, falls Du schlechter Laune bist und an Deinem Glück verzweifelst, Dich an Orten aufzustellen, wo Balken herunterfallen. Es könnte einmal schief gehen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3378