Original

26. Februar 1927

Sehr geehrter Kalendermann!

Ich las, was sie kürzlich über den tauben Edison schrieben. Also er meint, wenn er nicht taub wäre, würde seine Frau den ganzen Tag mit ihm reden wollen.

Sind Sie sicher, daß sie es nicht trotzdem tut? Ich täte es. Mein Mann könnte so taub sein, wie ein Holzeimer, ich ließe mir das Reden mit ihm nicht verbieten,

Ich kenne Frau Edison nicht, aber es sollte mich wundern, wenn jener Ausspruch des großen Ersinders nicht erfunden wäre. Er hätte damit bewiesen, daß er selbst seine Frau nicht kennt, jedenfalls nicht die Frau im Allgemeinen und am allerwenigsten die ergebenst Unterfertigte.

Nehmen wir einen Augenblick an, ich wäre Fran Edison; aber nur einen Augenblick, bitte. Für längere Zeit wäre er in seiner derzeitigen Verfassung mir nicht gewachsen.

Glauben Sie, ich ließe mir durch seine Taubheit den Mund verbieten?

Mein Mann, Gott habe ihn selig! war ein großer Sportsmann, unter anderm ein eifriger Florettfechter. Wenn er grade keinen Partner hatte, nahm er seine Waffe, malte ein rotes Herz an die Wand und stach darauf los, daß sich die Klinge bog. Er nannte das „tirer au mur“.

Sehen Sie, mit meinem alten Thomas Alwa täte ich dasselbe. Wie mein Mann sein Florett gegen die leb- und empfindungslose Mauer züngeln ließ, aus reiner Freude an der Sache, so würde ich meine Zunge gegen die Trommelfelle meines Gatten züngeln lassen. Und wer weiß, welches von beiden die spitzere und clastischere Waffe wäre, das Florett oder die Zunge.

Aus reiner Freude an der Sache, habe ich gesagt. Das verstehen Sie nicht, daß man aus reiner Freude an der Sache reden kann. Dafür sind Sie ein Mann, das heißt das verständnisloseste, kurzsichtigste und naivste Geschöpf, das aus der Hand Gottes hervorgegangen ist.

Was heißt reden? Dies könnten Sie zur Not erklären und verstehen, trotzdem Sie nur ein Mann sind: Neden heißt den im Hirn empfangenen und ausgetragenen Gedanken einen Körper geben und sie ans Tageslicht gebären.

Sie bringen es fertig, einen Gedanken in sich auszutragen, ohne daß er je in Worten Gestalt gewinnt. Weil Sie ein Mann sind! Eine Frau käme sich als Kindsmörderin vor, wenn sie dasselbe täte, wenn sie einen ihrer Gedanken ungeboren, unausgesprochen ließe. Eine Frau ist nicht nur ihren Kindern, sie ist auch ihren Gedanken eine sorgende Mutter. Sie will sie von ihrem Herzen losgelöst; lebendig, laut im bellen Licht des Tages, im brausenden Strom des Lebens vor sich spielen sehen, mit Hand und Fuß, gegenständlich, schöner und klüger als alle andern.

Glauben Sie mir: daß die Frauen so gerne reden. ist durchaus nicht, weil sie, wie Ihr Männer höhnisch sagt, Klatschbasen sind, sondern es hängt mit der heiligen Bestimmung zusammen, die sie als Mütter in der Schöpfung haben. Wir müssen unsern Gedanken einen Körper geben, müssen sie auf die Welt setzen, also müssen wir reden, ob Ihr uns zuhört oder nicht, - Ihr müßt nur so tun, als ob Ihr zuhörtet, Ihr müßt die Wand sein, auf die das rote Herz für den Fechter gemalt ist.

Ich habe mir redlich Mühe gegeben, Ihnen dies alles möglichst klar zu machen, aber ich bin nicht sicher. daß Sie es verstanden haben. Zu weiteren Erklärungen bin ich daher gerne bereit

HochachtungsvollEva Trillerfix,Kandidatin für die nächsten Kammerwahlen.
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