Original

27. Februar 1927

Es genügt nicht, meine lieben Kinder, daß Ihr ohne Überlegung, alles Dichten und Trachten nur auf eitles Vergnügen gerichtet, in den Strudel des schings mit gleichen Füßen hineinspringt. Ihr müßt Euch bewußt bleiben, daß der Gang der Welt und der Sittschaft sich nach ewigen, unerbittlichen Gesetzen vollzieht, und daß Ihr Euch ihnen selbst im tollsten aus der Fastnächte fügen müßt.

Teilung der Arbeit! heißt eines dieser Gesetze, und wenn je, so hat es während des Karnevals Geltung.

Den großen französischen Staatsmann Clemenceau sagte einst ein Freund, nach welchen Normen er sich mit seinem Sekretär Mandel in die politische Begung, namentlich in die Bearbeitung der Wählergenossen teilte.

„Sehr einfach!“ sagte Clemenceau. „Ich blühe, Mandel duftet.“

Das war ebenso geistreich, wie zart ausgedrückt. e denn Zartheit im Ausdruck allezeit eine der en Seiten Clemenceau’s war. Aber es ist besonders ein klassisches Beispiel für die Notwendigkeit der Arbeitsteilung im Allgemeinen und die Notwendigkeit einer zweckmäßigen Arbeitsteilung in der Politik im Besondern. Clemenceau und Mandel finden immerzu und überall Nachahmer.

Manche großen Staatsmänner freilich blühen und duften zugleich. Aber das müssen schon ganz große Staatsmänner sein.

A propos Blühen: Bietet nicht die Natur in der Blüte selbst das vollendetst. Vorbild der Arbeitsteilung, der Arbeitsverteilung auf Stempel und Staubfäden?

Wir brauchen nicht so weit zu gehen. In unserm eigenen Körper feiert das Gesetz der Arbeitsteilung Triumphe. Wir haben die Augen, die ganz besonders das Sehen besorgen, und wir haben einen Mund, der unter andern Spezialitäten die des Essens hat. Es kommt vor, daß jemand mit den Augen spricht, er das muß dann eine Filmschauspielerin sein. Umgekehrt gibt es Leute, die mit dem Mund schauen. Es ist dann entweder kein Zeichen von Intelligenz oder es deutet auf Nasenpolypen.

Doch bleiben wir auf dem Boden der Wirklichkeit. Und da müssen Sie selbst sagen, welch ein Glück es ist, daß der Pitty die Ditty nicht mit den Blicken fressen kann! Denn was bliebe von der Ärmsten noch übrig! Beine hätte sie ganz sicher schon lang keine mehr!

Greifen wir weiter hinein ins volle Menschenleben, da wo es uns am nächsten liegt. Ich meine unsern Zeitungsbetrieb. Da ist eine weitestgehende Arbeitsteilung schon gar nicht zu entbehren. Wo nähme beispielsweise sonst unsere Zeitungskätty die Zeit her, wenn sie außer ihrer Arbeit als Preisrichterin, als Stadtreporter, als Theaterberichterstatterin usw. usw. auch noch die auswärtige Politik, die Wirren in China den Völkerbund, den Fastenbrief gegen den flämischen Nationalismus, die Einschränkung der Marinerüstungen und den Kampf der griechischen Behörden gegen den kurzen Frauenrock bearbeiten müßte!

Wo aber Notwendigkeit und Segen der Arbeitsteilung sich am stärksten fühlbar machen, das ist in den Großkampftagen, die heute früh angebrochen sind. Ich möchte es Euch an einem einzigen Beispiel erläutern. Es ist ein Bild, das während des Trommelfeuers der Faschingsnächte in jeder Saalecke beobachtet werden kann: Dreie sitzen an einem Tisch - es können auch fünf, sechs und mehr sein, das Verhältnis bleibt immer dasselbe -, aber nehmen wir als Schema die bedeutungs- und schicksalsschwangere Dreizahl an: Der Herr, der zu sagen pflegt: Wenn ich nur noch vierzig Jahre jünger wäre -, der junge feurige Bankkommis, dem der Fasching das selige Bacchanal ist, wo er nicht mit seinem Direktor tauschen würde, - und Sie. Sie ist meist nur Objekt, nicht Subjekt, wo der Begriff der Arbeitsteilung zur Betrachtung gestellt wird.

Und nun seht: Hätte der ältere Herr (man kann ein älterer Herr und doch noch kein alter Herr sein) - hätte er den ganzen Schampus, den er bezahlt hat, ganz allein trinken, hätte er dem Mädel ganz allein die Cour schneiden müssen, so wäre er am Aschermittwochmorgen eine Leiche gewesen und das arme Mädel hätte wieder von vorne anfangen müssen.

Also bitte, seid gut gegen die alten Herren, helft ihnen, wo Ihr könnt, das Prinzip der Arbeitsteilung aufrecht halten. So werdet Ihr aus dem Tornado der Faschingstage das erhebende Bewußtsein mit hinübernehmen, daß Ihr Euch in bezug auf ernste Lebensführung nichts vorzuwerfen habt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3380