Sie können es auch Wiesbadener Brief nennen. Abends war nach einem frostklaren Tag der Himmel mausgrau verhüllt, aber vom Rhein warf die untergehende Sonne unter der Wolkendecke her goldene Kußhände. Und die überschlanlen Türme der Marktkirche fingen sie auf und ließen das Gold an sich herunterrieseln. Und nahmen so eine märchenhafte Revanche an deu Nörglern, die von Backsteingotik im Zusammenhang mit diesem spitzen Linienakkord reden, der sein wie ein Streichquartett in die Höhe hinauf ausklingt.
Früher wurden zum Preis einer Landschaft Gedichte gemacht, von wirklichen Dichtern und andern.
Heute läßt ein findiger Verkehrsamtsleiter von der Post auf die Briefumschläge stempeln: „Frühling in Wiesbaden!“ Das wird von Hunderttausenden gelesen und weckt in Zehntausenden die Sehnsucht nach dieser schönsten, jedenfalls anmutigsten und angenehmsten aller deutschen Städte. In ein paar Monaten darf die Post stempeln: „Herbst in Wiesbaden!“ Denn er ist so schön, wie der Frühling, und wenn Du im Oktober von den Höhen um Wiesbaden in das leidenschaftliche Rot der Buchenwälder schaust, wolltest Du erst recht, Dir wüchsen Flügel.
Wiesbaden ist die überaus bevorzugte Stadt, die mit den Annehmlichkeiten der Großstadt die des Badelebens verbindet. Schon die Zugänge sind anders, wie bei den menschenfressenden Großstädten. Man braucht nicht einen Kranz von Fabriken zu durchbrechen, den Inferno, in dem der Fluch der Arbeit dröhnt und raucht, wie ungeheures Wehklagen um den Verlust des Paradieses Vor Wiesbaden liegen Gärtnerdorfidyllen, das heitere Villenviertel der Adolfshöhe mit der befreienden Aussicht ins Rheintal. Man fügt sich ohne Gewissensbisse in die Anmut eines Müßiggangs und Wohlseins, die als Entschuldigung und Rechtfertigung die Sorge für die liebe Gesundheit haben.
Man empfindet an den Stellen, wo Wiesbaden großstädtisch ist, dies als ein Großstadtmaximum ohne das Erbarmungslose, ohne die grausame Gespanntheit, ohne die schläfensprengende Congestion andrer Großstädte. Und darum kann man in Wiesbaden von einem wirklichen Frühling reden.
Vor Jahren kam ich den Rhein entlang geradelt, Rüdesheim, Geisenheim, Eltville, Walluf, Schierstein, Biebrich-Moosbach, die Rheinstraße herunter, von der weiten, hellen Ellenbogensreiheit dieser einzigen Stadt aufgenommen. Abends war Fackelzug zur Feier der ersten Fuhrt eines Torpedobootes den Rhein herauf - weiter, als Caub, war es wegen des niedrigen Wasserstandes nicht gekommen - ich stand abends oben an der Taunusstraße, die doppelte Lichterreihe der Wilhelmstraße zog sich in schlankem Bogen herauf, wie leuchtende Kabel einer Hängebrücke, von unten her kam im rythmischen Auf und Ab des Marschtempos die rote, rauchende Masse der Fackelflammen, es war wilhelminisch feierlich.
Ich gewann schon damals die Wilhelmstraße lieb als frohe Auswirkung einer Eleganz, die in der Weise international ist, daß sie von allem das Schönste hat und von Protzentum nichts weiß. Ihr Wesen ist Selbstverständlichkeit. Diese Wilhelmstraße ist ganz gewiß noch immer eine der schönsten Stadtstraßen des Kontinents, weil sie halb Straße und halb Park ist. Immer noch strecken die jungen Platanen ihre coupierten kahl und vergnügt und galgenhumoristisch in stilvollem Durcheinander hinaus und ein Fox-Terrier sieht sie und denkt: Wie gut, daß unsereins nur einen Schwanz und zwei Ohren hat! Immer noch fragt der gute alte Herr im Gehrock am Warmen Damm mit ausgestrecktem Handrücken, ob es noch regnet, immer noch steht sein Sohn stiefelgehaltig über den Gesunden und Kranken, die zwischen Kochbrunnen und Kurhaus über den quellengesegnetsten Boden Europas wandelt.
Und immer noch wird es Frühling in Wiesbader.