Alle vierundzwanzig Stunden wird ein Tag geboren.
Ein Tag wird geboren, wie ein Mensch. Man weiß nie, was aus ihm wird, ein Gefäß voll Sonne oder Nebel und Regen, ein Gefäß voll Glück oder Unglück.
Ein Tag wird geboren, wie ein Mensch, in bleiernem, regentriefendem Grau oder in strahlendem Glanz. In dunstigen Niederungen oder in sonniger Freiheit der Höhen.
Im stählernen Frost des späten Winters, der mit Ausverkaufreklame seine Ladenhüter loswerden wollte, sah ich die Geburt eines Tages. Wäre dieser Tag ein Mensch gewesen, so wäre er in einem Palast zur Welt gekommen.
So wurde er, wie ich ihn sah, auf den Höhen des Syrtales geboren, seine Wiege stand auf den Gipfeln des Crequys- und des Wittenberges. Von der Höhe vor Senningen sah man die Landschaft in der werdenden Helle liegen. Die Morgenwelt war kühl, unaufgeregt, in die herrliche Unparteilichkeit eines Lichtes getaucht, das ohne Schatten war.
Drüben, hinter den Bergen, hob das Wunder der Tagwerdung an. Blutig angeflammte Wolken riefen es wehklagend aus, daß die Welt im Osten in Geburtswehen um den Tag rang. Ein fiebriger Schein stieg in den Himmel, wie in Wangen und Stirn eines Kranken, und die Erde antwortete in Farben, die schön und traurig waren, wie tiefes Mitleid. Die Höhen stiegen aus braunvioletten Schleiern empor und die Talsohle war mit Reif silbergrau überwoben.
Zum ersten Mal in meinem Leben kam mir der Gedante: Diese Prächte, an denen wir uns freuen, sind sie nicht Fiebergluten, die die Qual eines großen Werdens begleiten? Was wir Himmel und Erde und Natur nennen, ist es nicht ein Wesen, das in diesem Augenblick ungeheurer Licht- und Farbenherrlichkeit ungeheure Schmerzen leidet?
Wie töricht, nicht wahr! Wir wissen doch, daß das Ding Natur gefühllos ist. sich nicht um unsere Qualen kümmert, also sollen wir uns auch nicht darum sorgen, ob es leidet oder genießt.
Ich meinte nur so. Man sieht nicht oft die Geburt eines Tages, zumal eines Tages, der unter seinesgleichen ist, wie ein Königskind unter Menschen. Und da lohnt es schon, darüber sich Gedanken zu machen, die nicht alltäglich sind.
Es ging ihm erst gut, unserm Königskind. An seiner Wiege strahlte die Sonne. Die Höhen wurden im Morgenglanz rotbraun und wollten um jeden Preis schöner sein, als der blaßblaue Himmel, von dem sie sich abhoben.
Als der Tag in seiner vollen Manneskraft stand, begann sich das Blatt zu wenden, und schließlich nahm er ein Ende mit Tränen.
Ganz wie manche Königskinder unter den Menschen.