Original

5. März 1927

Christian Morgenstern hat vieles geschrieben, worin man ihm beipflichten muß. Aber gegen folgende Verse muß protestiert werden: „Die Möwen sehen alle aus - Als ob sie Emma hießen - Sie haben einen weißen Flaus - Und sind mit Schrot zu schießen.“

Dieser seltsame Dichter hat vielleicht eine Emma gekannt, die ihn an Möwen erinnerte, aber das kann nur durchaus individuell gewesen sein. Andere empfinden vielleicht, daß die Möwen aussehen, als hießen sie Gertrud, oder Irmgard, oder Mariechen, oder gar Katharina. So sieht einer einen bestimmten Ton gelb, den der andere blau sieht, ohne daß beide deshalb farbenblind zu sein brauchen.

Aber was ich diesem Christian Morgenstern viel übler nehme, das ist, daß er beim Anblick von Möwen auf den Gedanken kam, sie mit Schrot zu schießen.

Warum nur, um Himmels willen! Wozu braucht ein Dichter totgeschossene Möwen? Sie sind kein Leckerbissen, und dichterisch inspirieren tun sie ihn doch wahrhaftig mehr. wenn sie lebendig, als wenn sie tot sind! Eine weiße Taube, die ein grausamer Jäger angeschossen hat, daß sie mit lahmem Flügel zu Boden fällt oder mit den roten Korallen ihres Bluts auf der weißen Brust in der Hand des hübschen, tränenüberströmten Mädchens liegt, damit läßt sich doch was anfangen. Aber eine Möwe! Die erfüllt ihren Zweck für Auge und Phantasie doch nur im Fliegen durch die Luft, am liebsten wenn es stürmt und im Sturm der Schrei mit dem Vogel um die Wette flattert.

Ich ging um die Mittagsstunde über die Rheinbrücke bei Mainz. Vor mir ging ein Mann, der bröckelte Brosamen von einem Weck und streute sie in den Wind. Die Möwen umflogen ihn in dichte' Scharen und haschten die Brosamen im Flug. Es sah sich reizend an. Schöner, wilder, als wenn der Mann in Paris auf der Place de la Concorde die Spatzen füttert.

Ein Ungezähmtes, Unhaschbares, Pfeilgeschwindes das weit weg in den Raum gehört, ist einem auf ein mal so nah, daß man es greifen zu können meint. Daß Möwen zahm werden könnten, hält man für so unmöglich, wie daß sich der Wind zähmen ließe. Dann wäre er ja nicht mehr der Wind. Aber die Möwen an der Mainzer Brücke fliegen auf die Brotkrumen der Passanten. Dies Stückchen Wildheit ist Dir auf einmal so nahe, daß Du es wie ein Geschenk aus dem All empfindest. Ich habe mir vorgenommen, wenn ich wieder an die Mainzer Brücke gehe, nehme ich eine Tasche voll Milchbrötchen mit und bröckle sie den Möwen hin. Ich hoffe, daß kein Schupo kommen und mich wegen Verkehrsstörung aufschreiben wird.

Eine fliegende Möwe ist so absolut schön, wie die Auswirkung jeder reinen, auf die Spitze getriebenen Zweckmäßigkeit. Aber sie ist nur schön, wenn sie fliegt Sie weiß, daß sie im Stehen und Gehen nicht schön ist, und fällt darum nur ein, wenn sie durchaus nicht anders kann. Eine stehende oder gehende Möwe zeigt ihre braven, dünnen, parallelen Stelzbeine, auf denen ihr Rumpf so unbeholfen steht, als seien sie ihr von unten herauf nur so als Notbehelf in den Leib gesteckt. Die Möwen hätten ganz sicher die Mode der kurzen Röcke nicht erfunden. Wenn sie fliegen, sind dadurch die Beine aus der Ökonomie der Maschine ausgeschaltet und nicht mehr als ein Wesentliches betont. Fliegen sie nicht, so verstecken sie die unschönen Beine am liebsten, indem sie sich auf dem Wasser treiben lassen.

Im Fliegen gelten nur die Schwingen. Die aber gelten! In ihnen jubeln Form, Zweckmäßigkeit, Vollkommenheit. Willst Du ein Wesen im höchsten Genuß der Erfüllung, im stärksten Glücksbewußtsein seiner selbst sehen; so sieh die fliegende Möwe! Es ist, als atme sie den Raum, als schwinge sie sich jeden Augenblick in unsichtbare Ströme, die sie tragen müssen.

Pfui, Herr Christian Morgenstern! Und die wollten Sie mit Schrot schießen!

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    Katalognummer BW-AK-015-3383