Wir brauchen in unserer guten Stadt und Residenz Luxemburg viele Arten von Politik nicht, aber eine bräuchten wir, die wir leider noch nicht haben, die wir früher, zur Zeit unserer Großväter und Urgroßväter hatten, die aber schon lange verschwunden ist.
Es ist die Baumpolitik. Diese Politik ist die Kunst, nach der Bäume gepflanzt, gezogen und unter Umständen auch gefällt werden sollen.
Wie man Bäume fällt, wissen wir.
Wie man Bäume pflanzt und zieht und pflegt, wissen wir nicht.
Das eine wie das andere kann man unsere Straßen und Avenuen entlang feststellen.
Die Baumpolitik ist dadurch, daß an der Montereyundd Maria Theresienavenue die Kastanienbäume en über den andern gefällt wurden, in ein akutes Stadium getreten und eine öffentliche Angelegenheit geworden, die lange nicht genug das Interesse der zuständigen Stellen in Anspruch zu nehmen scheint.
Für die zuständigen Stellen gibt - gab es jedenfalls früher offenbar nur das Dilemma: Baum - cht Baum.
Entschieden sie sich für: Baum - so war es ihnen durchaus gleichgültig, unter welchen Modalitäten diese Bejahung in die Erscheinung trat. Baum war Baum.
Wir sahen das Resultat, das in jahrzehntelangem Wachstum aufgegangen war; Reihen von Baum- Knoten, um deren Verschwinden es einem wirklich nicht leid zu tun brauchte. Was davon stehen geblieben ist, illustriert zur Genüge diese Feststellung. Es lohnte sich kaum, eine Auswahl zu treffen, denn solch verwilderte und planlos verschnittene Baum-Individuen sollten überhaupt nicht auf dem Grund und Boden eines Gemeinwesens stehen, das zu seinen Obliegenheiten auch die der Pflege eines normalen Sinnes für Ästhetik zählt.
Es muß nicht einmal, nicht zehnmal, es muß hundertmal, es muß bei jedem Anlaß gesagt werden: Die Alleebäume, die in und um Luxemburg seit Schleifung der Festung gepflanzt wurden, waren stillose, unzivilisierte, unästhetische, verkorkste Gesellen. - mit wenigen Ausnahmen.
Ein Baum soll seine Anatomie, seinen Akt - die Franzosen sagen „académie“ -, er soll seine Glieder in Ordnung haben, wie ein Mensch. Die Glieder des Menschen sind vom Schöpfer so zweckmäßig wie möglich angeordnet. Beim Baum muß der Gärtner Schöpfer spielen und dafür forgen, daß der Baum sich erstens schön und zweitens zweckmäßig entfaltet.
Wie das gemacht wird, lernen wir zum Beispiel im Rheinland, das nicht nur das klassische Land des Obstbaues, sondern auch der Zierbaumzucht ist.
Jedem, der dort herum den Baumstil mit Interesse beobachtet, fällt zuerst die Hauptsache auf. Die Herausbildung einer Unmenge starker Äste aus dem Hauptstamm. Der Hauptstamm reicht nur bis zu Mannshöhe, um sich von da in einen wahren Kindersegen von annähernd gleich starken Ästen zu teilen, die eine weit ausladende Krone bilden und die Tragmöglichkeit bis zu einem Maximum vervielfältigen.
Die Zier- und Alleebäume sind nach demselben Stil gezogen. Die herrlichen Platanen vor dem Wiesbadener Kurhaus ragen mit ihren dicken, schlanken Ästen, in die sich der Stamm von unten auf teilt, voll anmutiger Kraft bis zum Wipfel, eine wie die andere; keine Linie, die durch Knorrigkeit oder Mißton das Auge stört. Die sind frei gewachsen. Andere, jüngere, sind methodisch beschnitten, aber auch bei ihnen hört der Stamm da auf, wo er nach allen Seiten die Äste entsendet. Das Gleiche ist stundenweit die Landstraßen entlang an den Obstbäumen zu beobachten.
Es heißt, in Luxemburg sollen die gefällten Bäume durch junge ersetzt werden.
Will man nicht dafür sorgen, daß von der Baumschule ab Exemplare gepflanzt werden, die eines städtischen Hintergrundes würdig sind und nach den Regeln einer altbewährten Baumgärtnerkunst gezogen werden sollen, so läßt man das Nachpflanzen besser bleiben.
Wir haben noch ein paar Dutzend wirklich schöne Alleebäume, die als Vorbilder dienen können: die alten Kastantenbäume an der Allee Scheffer und am Paradeplatz, die ganz Alten, die genau im oben beschriebenen Stil sich entfalten.
Man vergleiche sie mit den form- und stillosen Gestalten, die immer häufiger die ausgefallenen Veteranen ersetzt haben, und man sieht deutlich, worauf es ankommt.