Wer das wilhelminische Deutschland kannte und wem dann das Deutschland von heute als ein Neues entgegentritt, an das er sich nicht allmählich gewohnt hat, in das er nicht, wie die Bürger der jungen Republik, langsam hineingewachsen ist, dem werden viele äußeren Unterschiede auffallen, die doch auf eine innere Umschichtung deuten. Darauf, daß die Richtung anders geht oder doch, daß die Hauptrichtung stärker betont wird.
Der Ausländer, der seit 1914 zum ersten Mal längeren Aufenthalt in einem städtischen Umkreis Deutschlands nimmt, wird zunächst im Verkehr der Träger der Staatsgewalt mit dem Volk einen ganz andern Ton heraushören. Typisch dafür ist die Art, wie der Schupo das Publikum behandelt. Auch, wie er aussieht. Wer an den Schutzmann von früher denkt, kann sich nur schwer vorstellen, daß diese meist jungen oder jung aussehenden Männer die direkten Nachfolger jener grimmigen Schnauzbartgewaltigen sind, die zwar zum Schutz des Publikums da sein sollten, gegen die aber das Publikum oft nur mangel- haft geschützt war. In den Funktionen des Schutzmanns lag es, daß er anschnauzte und zufaßte. Die Hand des Schupo ist da - so scheint es - zum Führen und Leiten und Schützen. Er strahlt vor Freundlichkeit und guter Laune, er gibt Dir lächelnd und zuvorkommend Bescheid, er dirigiert die tausend Autos, die seine Zehen bedrohen, heiter, als seien es Weberschifflein, durch den sausenden Straßenkreuzungsverkehr, er ist die Vorsehung, nicht die, die mit Donner und Blitz dreinschlägt, sondern die Vorsehung, die am liebsten die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt. Der junge Schupo von heute ist offenbar als ein Symbol des jungen Deutschlands gedacht, in dem die Autorität nicht der Ausfluß einer gottgesetzten unnahbaren und unbeugsamen Stelle sein soll, die hoch über dem Volke steht, sondern des Volkswillens selbst.
Ob es in Berlin auch so ist, weiß ich nicht. Vielleicht sagt uns ein weiter gereister Leser darüber Bescheid.
Ein anderes Merkmal dieser andern, demokratischeren Weichenstellung ist dieses: Die Behörde tritt aus ihrer bequemen Unnahbarkeit heraus und zeigt Verständnis für die Bedürfnisse des Erwerbslebens. Das „Amtliche“ stellt sich in den Dienst der Privatinitiative. Es gab früher kaum eine Verwaltung, die so als Kräutchenrührmichnichtan bekannt war, wie die Post. Die gelben Postwagen und die blauen Briefkasten waren Symbole eines Betriebs, der sich hoch über dem Wohl und Wehe der gemeinen Daseinskämpfer vollzog. Und heute! Heute ruft jeder Briefkasten den Namen einer Firma und ihrer Produkte in großen Lettern hinaus, die gelben Postwagen verkünden durch die ganze Stadt die Vorzüge einer Zigarette oder einer Seife oder eines Staubsaugers.
Der Staat, meinen Sie, braucht Geld, darum läßt er sich zur Rolle eines Anreißers herab. Gewiß. Aber früher brauchte der Staat auch Geld, vielleicht mehr, als heute, und für andere Zwecke. Aber Herr Stephan hätte sich seinerzeit totschlagen lassen, ehe er seine Briefkasten und Paketpostwagen zu Reklamezwecken hergegeben hätte, ein so fortschrittlicher Reichspostdirektor er sonst auch mag gewesen sein. Damals war die Verwaltung eben nur die Verlängerung eines Prinzips, das über dem Volke stand und ihm nichts schuldig sein wollte. Diese Fiktion ist heute verschwunden. Die Hauptsache ist heute das Volk, und im Volk die Wirtschaft.
Früher war die Hauptsache direkt die Macht, und das Mittel zur Macht war das Heer.
Heute ist das Mittel zur Macht die Wirtschaft. An Stelle der Kasernen sind die Fabriken getreten. Und der Staat, der das Volk ist, fühlt sich als Sachwalter des Volks, das die Wirtschaft macht, und ebnet ihm alle Wege.
Die Autorität hat aufgehört, Selbstzweck zu sein.