Original

9. März 1927

Man gerät im Ausland - in weiteren Verhältnissen und in schärferer Luft - ganz von selbst zu höheren Maßstäben.

Es ist daher ein Kompliment, das ich der „Voix des Jeunes“ mache, wenn ich sage, sie besteht auch vor solchen strengeren Maßstäben.

Indes, das war nicht der Zweck dieses Schreibens. Sondern ich wollte mit der „Voix des Jeunes“ wegen Rodange ein Hühnchen rupfen.

Sie hat immer noch nicht begriffen, worum es geht.

Rodange hat sich zu einer Volksangelegenheit ausgewachsen, und es ist notwendig, daß wir wissen, was wir an ihm haben und nicht an ihm haben - nicht haben dürfen.

Sein Werk war lange unbekannt und verkannt. Sein Menschliches droht nun demselben Schicksal zu verfallen.

Wer die Brunnenvergiftung, die mit ihm getrieben wurde, gesehen und empfunden hat, muß dagegen Zeter Mordjo schreien.

Dies ist wirklich keine Sache, um die man ein paar Anrempelungen wechselt und die dann im Sande der allgemeinen Gleichgültigkeit verläuft. Dies ist etwas, wofür man sich verbissen einsetzt, sich die Köpfe blutig und die Zähne in den Hals schlägt, denn davon, ob die Wahrheit erkannt oder endgültig verdreht wird, hängt es ob, ob wir einen Rodange haben oder nicht.

Haben sie in der „Voix des Jeunes“ denn noch immer nicht verstanden. was beabsichtigt war, als in der „Jonghemecht“ die Parole von dem Giftkrötentum bei Rodange ausgegeben wurde? Begreifen sie noch immer nicht, daß er hingestellt werden sollte als der Querulant, der verbissene und verbitterte Allerweltskritiker, der von einer politischen Clique einer andern als Köter an die Waden gehetzt wurde?

Und das beten sie in der „Voix des Jeunes“ ohne Überlegung nach, bloß weil es ihnen Spaß macht, in Rodange mehr den Politiker, als den Künstler zu sehen. Darüber hilft kein Vergleich, weder mit einem Kirchenheiligen noch mit einer Edelstahlklinge weg. Wer sich Werk und Leben dieses Menschen mit dem Willen zur Wahrheit aus der Nähe ansieht, kommt unweigerlich zu der Überzeugung, daß Rodange der Künstler uns unendlich mehr ist und mehr sein muß, als Rodange der Politiker. Er war nie der verärgerte und bissige Kläffer, als den ihn einst seine Feinde hinstellten und als den ihn, ohne es zu beabsichtigen, heute die hinstellen, die sich als seine lautersten Bewunderer aufspielen.

Gegen diese Verunglimpfung seines innersten Wesens mußte und muß Front gemacht werden.

Als hätte Rodange der Verbitterung bedurft, um seine Strophen aus dem tiefsten Born seiner luxemburger Seele heraufzuholen!

Wenn die Bären, die in der „Voix des Jeunes“ mit Pflastersteinen nach seiner Nase zielen, wirkliches Interesse an seinem Lebenswerk haben, wenn ihr Interesse für unser Nationalepos mehr, als Begleiterscheinung einer literarischen Hundekrankheit ist, wie sie bei studierten jungen Leuten häufig auftritt, so müssen sie erkennen, daß der Wert Rodange’s nicht in der Richtung liegt, in der sie ihn auf den Spuren seiner Verkleinerer gesucht haben.

Ich gäbe mir weniger Mühe, sie zu überzeugen, wenn ich nicht wüßte, daß sie im Kampf für die Durchsetzung der Wahrheit über Rodange kostbare Bundesgenossen wären.

Da wir grade bei der „Voix des Jeunes“ sind: Ein Bravo! dem Pietro Moltonaso für folgenden Satz: „Wir wünschen ihr (der neuen Sängergesellschaft) auf alle Fälle viel Glück und wir fordern, daß sie uns mit „morceaux de concours“ und ähnlicher schlechter Musik verschone und sich die Pflege des Volksliedes zu Herzen nehme. Wir danken für den Edelkitsch, mit dem man uns bis jetzt speiste.“

Wie gesagt, Bravo! Aber es wird schwerlich viel dabei herauskommen. Wie wäre es, wenn der Pietro die Sache selbst in die Hand nähme und einen Sängerverein gründete, dessen Mitglieder sich ehrenwörtlich verpflichten müßten, nie einen Chor von Laurent de Rillé und gleichwertigen Musikbonzen zu singen?

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    Katalognummer BW-AK-015-3386