Original

10. März 1927

Denkmäler sind eine Art Kulturbarometer.

In einer Zeit, wo viele Denkmäler errichtet werden, wo sie über ein Land kommen, wie Sternschnuppen im August, fehlt die Muße, sie richtig ausreifen zu lassen, und es entstehen die Scheusäler, die heute unter dem Vorwand, die Toten zu ehren, den Boden der kriegführenden Länder bedecken. Der von einem Engel überschwebte Infanterist in Uniform, lebendig, sterbend oder tot, ist zu einem Cliché geworden, um das man schon am liebsten einen großen Bogen schlüge.

Wir haben bei uns nicht soviel öffentliche Denkmäler, wie Finger an einer Hand. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht wäre das fünfte, wenn es schon erstanden wäre, noch übler geworden, als das Nationalmirliton in der Ecke zwischen Rechnungskammer und Steuerverwaltung.

Unsere zwei ersten Denkmäler, die ihr Dasein amtlichem Anstoß verdankten, die Amalienstatue am Stadtpark und der höfliche Wilhelm II. auf dem Knodier, können sich sehen lassen. Sie sind nicht überschwänglich und nicht in einer Mode erstarrt. Sie sind künstlerisch diskret und deftig. Nicht überwältigend, aber auch nichts weniger, als geschmacklos.

Geschmacklosigkeit an einem Denkmal wird durch die Aufdringlichkeit des Objekts multipliziert. Es stellt sich protzig an die Straße und spielt den Anreißer - für eine Idee, für ein Ideal, für ein Gefühl. Tut es solches mit übertriebener Gebärde, so versündigt es sich an Generationen. Darum sind die schönsten Denkmäler immer die, die nichts ausdrücken wollen, aber sie sind nicht immer sicher davor, daß in sie etwas hinein interpretiert wird, was sie gar nicht bedeuten. In Lyon steht von einem einheimischen Bildhauer eine schöne Reiterstatue, die einen lorbeerbekränzten römischen Feldherrn darstellt. Die Reiseführer haben daraus Ludwig XIV. gemacht. Als Reiterdenkmal an und für sich bewundert man das Werk, soll man sich aber vorstellen, der Künstler habe einen französischen König in altrömisches Heldentum einbalsamieren wollen, so geht man nicht mehr mit.

In Frankfurt a. M. stehen an den Gallus-Anlagen zwei Denkmäler voll von patriotischem Pathos sich gegenüber: Es ist rechts das Bismarckdenkmal, links eine Bronzefigur: Den Opfern.

Bismarck steht in der Uniform der weißen Kürassiere, die Linke auf den Säbel gestützt, die Rechte wie die eines Verkehrs-Schupo ausgestreckt, und zeigt freie Bahn der Germania, die hinter ihm auf einem Schlachtroß, von einer großen Fahne umwallt, über einen Drachen reitet. „Ich setze Deutschland in den Sattel, reiten kann es dann von selbst,“ - oder ähnlich lautet der Text, den der Künstler illustrieren wollte. Das Ganze ist jene Art von Deklamation, die mau schon nicht mehr hören kann, ohne an ihre Karikatur denken zu müssen. Außerdem stört da das Pferd. Es macht 33½% dieses patriotischen Knalleffektes aus. In einer Zeit, wo das Pferd sogar als Schlachtroß dem Untergang geweiht ist, wirkt diese vierbeinige Vervollständigung des Trios höchst unmodern. Vielleicht sehen wir später die Allegorie sich des Motors, des Flugzeugs, des Tanks bemächtigen, aber mit den Rössern sollten wir im modernen Denkmalbetrieb wirklich Schluß machen.

Dem Bismarck gegenüber ist auf granitnem Sockel eine Frauengestalt in Trauer um die verlorenen Söhne so zusammengebrochen, wie sie das Leid hingeworfen hat. Ohne nach klassischen Rezepten die Lösung ihrer Glieder in die Hand zu nehmen. Sie windet sich in ihrem Schmerz, dem sie sich ganz hingibt, ohne Rücksicht auf die Pose. Die Betonung des Weiblichen, Mütterlichen ist unheimlich. Der Schrei der Trauer um die Verlorenen ist schon der Schrei nach dem Kind, nach den Kindern, die die Toten ersetzen sollen. So erschraubt und verschroben das Pathos gegenüber, so brutal wahr und trächtig ist es an dieser Gestalt.

Im Vergleich der beiden wird man inne, daß das Errichten von Denkmälern keine Sache ist, die man nur feierlichen Kunstbeamten überlassen darf.

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    Katalognummer BW-AK-015-3387