Original

11. März 1927

Raschlebig sei unsere Gesellschaft, sagen sie. Und meinen damit, daß wir rascher leben, als unsere Altvordern.

Das ist natürlich Einbildung. Wir leben genau so rasch und genau so langsam, wie unsere Großväter lebten und wie unsere Enkel leben werden.

Wir machen alle die Überfahrt auf demselben Schiff, und ob wir auf Deck Kobold schießen oder uns im Strandkorb behäbig von der Sonne bescheinen lassen, das hat auf das Tempo des Schiffes keinen Einfluß.

Aber wir wollen uns die Empfindung verschaffen, als lebten wir rascher. Wir sind die Toren, die alle fünf Setunden in eine Lotterie setzen und die Lotterie selbst ziehen wollen, um sich eine kleine Aufregung zu verschaffen. Langfristige Angelegenheiten sind nichts für unsere Nervosität, wir wollen unmittelbare Resultate. Die Chirurgen sind zu Ehren gekommen, weil sich der Mensch von heute lieber alles, was ihm Gott gegeben hat, aus dem Leib schneiden läßt, als daß er in wochenlanger oder jahrelanger Kur Heilung sucht.

Die Bäder haben lange nicht mehr den Zulauf, wie noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Die Quellengläubigen werden vom „modernen Menschen“ ein wenig wie Frömmlinge angesehen, die es mit den Bädern halten, wie mit der Religion. „Dies wird wieder anders werden,“ sagte mir ein Badearzt. „Mit dem ewigen Herumschneiden und Einspritzen ist es auf die Dauer nicht getan, wir brauchen eine langsame Säfte-Erneuerung.“

Am selben Tag fiel mir ein interessantes altes Buch in die Hände, das ein anonymer Engländer im Jahre 1836 über nassauische Bäder geschrieben und „Bubbles from the Brunnens of Nassau“ betitelt hatte.

Darin feiert der Glaube an die Heilkraft der Quellen Orgien. Denn dieser alte Engländer erzählt, daß dazumal in Schlangenbad und Wiesbaden nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde die Bäderkur gebrauchten.

„Bevor ich das Thema der Bäder verlasse,“ schreibt er, „möchte ich gleich bemerken, daß einer der Hauptgründe, weshalb ich im Englischen Hof grade die Zimmer gewählt hatte, die ich bewohnte, der war, daß das Fenster meines Wohnzimmers auf das Pferdebad hinausging, das unmittelbar darunter lag. Drei- oder viermal am Tage wurden lahme oder brustschwache Pferde dorthin gebracht. Da das Wasser heiß war, schienen die Tiere, wenn sie hineingeführt wurden, sehr erschrocken und schlugen heftig mit den Vorderfüßen ins Wasser, als wollten sie es abkühlen; sobald sie sich aber an die fremdartige Empfindung gewöhnt hatten, schienen sie rasch daran großen Spaß zu finden. Standen sie bis über den Rücken im Wasser, so wurden sie an einen Pfosten angehalftert und eine halbe bis dreiviertel Stunden in der Brühe „weichen“ gelassen. Die Hitze schien ihren Blutumlauf zu beschleunigen und nichts konnte einen belebteren Anblick bieten, als ihre Köpfe, wenn sie aus der heißen Flut herausguckten, ihre tropfenden Mähnen schüttelten und wieherten, sobald sie einen Wagen oder ein Pferd vorbeikommen hörten.“

Natürlich machte sich der alte Engländer Gedanken über die Wirksamkeit dieser Pferdekur. Er beschloß, daran zu glauben, und er sagt, warum:

„Der Preis für jedes Pferdebad beträgt 18 Kreuzer, und diese Tatsache erschien mir stets als der beste Beweis für die Heilkraft der Wiesbadener Quellen: Denn die Wiesbadener könnten diese noch so laut anpreisen, den armen Bauern würde es deshalb noch nicht einfallen, zwei Wochen lang täglich sixpence zu bezahlen, wenn sie nicht aus Erfahrung wüßten, daß die Kur ihren Pferden gut tut.“

Wie wäre es, wenn wir in Mondorf vorübergehend ein Pferdebad einrichteten, nur um die Ungläubigen zu überzeugen?

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    Katalognummer BW-AK-015-3388