Der berühmte Dichter Sternberg werde abends aus seinen Werken vorlesen, stand angeschlagen. Pflicht jedes Gebildeten und literarisch Interessierten sei es, u. s. w., Sternberg habe dem deutschen Schrifttum neue Wege gewiesen u. s. w., die geistige Elite der Stadt werde u. s. w., er, dem das Volk u. s. w., und das Volk, das ihm u. s. w.
Also beschloß ich hinzugehen. Der Sternberg natürlich, das war ja der famose Kerl, von dem hatte ich doch allerhand mit Genuß gelesen, und wenn man einen Dichter, den man schätzt, von Angesicht zu Angesicht kennen lernen kann, soll man nie die Gelegenheit verpassen u. s. w. u. s. w.
Ich hielt darauf, ziemlich weit vorn zu sitzen, um nur ja jedes Wort zu verstehen und jeden Zug im Gesicht des großen Sternberg beobachten zu können. Die Karte war für meine Verhältnisse nicht billig, aber wo es sich um höhere Belange handelt, ist man sich schuldig, nicht wahr, daß man u. s. w.
Ich war einer der ersten im Saal. Es herrschte vornehme Sachlichkeit. Tempelstimmung. Vor einem dunkeln Samtvorhang das Podium, darauf ein Tisch, darauf ein Glas Wasser, dahinter ein Stuhl, daneben ein Lampenständer. Alles so schön linear, so unbestreitbar, so kristallinisch einfach. Mit beiden Daumen und Zeigefingern rahmte ich mir das Bild ein: Ein Stilleben!
Neben mir nahmen zwei Damen Platz. Typ „Mamm“. Viele andere Damen tröpfelten herein, vom selben Typ. Hie und da ein jüngeres Mädchen, mit Schneckenfrisur oder einem gesitteten Haarknüschen über dem Nacken, die Röcke von schüchterner Kürze. Auch einige Jünglinge mit Schillerkragen. Gestalten, von denen die Eltern mit verhaltenem Stolz sagen: Dabei ist der Junge noch keine fünfzehn!
Als es schon zehn Minuten - eine Viertelstunde über die Zeit war und der Saal sich zu einem guten Drittel gefüllt hatte, mußte irgendwo jemand an einem Knopf drehen, denn in ein paar Etappen gingen die Lichter aus und nur die Lampe neben dem Tisch brannte weiter, ja, sie schien jetzt sogar noch viel heller zu brennen, als vorher.
Und schon trat auch von der Seite her der Dichter Sternberg gemessenen Schrittes in die Erscheinung und auf das Podium. Er kam von einer Beerdigung oder einem Empfang, hatte noch nicht Zeit gehabt, sich umzukleiden, und trug noch den feierlichen Gehrock. Der ihm aber durchaus adäquat zu Gesicht stand. Er blickte ohne Furcht und Tadel gradeaus in die geehrte Festversammlung und wußte sich dadurch eine eigenartige Contenance zu geben, daß er die Lippen verzog, als sei ihm etwas zwischen den Zähnen stecken geblieben, das er noch rasch und unauffällig herausbekommen müsse.
Viele weltgewandte Kapläne, die ihrer Sache sicher sind, haben solche Gesichter. Seine Bewegungen waren hieratisch gemessen, seine Finger, wenn sie die Seiten umschlugen, waren wie gesalbte Finger, die nach dem heiligen Gral ehrfurchtsvoll greifen, und seine Blicke richteten sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen nach der Saaldecke, von der ihm zweifellos Erleuchtung kam. Seine Lippen aber - seine Lippen wußten weich zu sein, wie Franenlippen, aber auch sich energisch zu schürzen, wie es dem Text stellenweise angepaßt war.
Er sagte, nachdem er durch einen seelenvollen Blick das Haus in Stimmung versetzt hatte: „Ich lese den ersten Akt aus »Der Grenzwall«.“ Das stand denn nun so einwandfrei, so unbestreitbar, so kristallinisch einfach, so modernes Kunstgewerbe im Raum, wie der Tisch, wie das Glas Wasser, wie die Stehlampe.
Er las. Eine Römertragödie mit germanischen Heldensiguren. O Wildenbruch! O Josef Lauff! O Olaf Gulbransson.
Ich dachte: Er hat sich gehäutet. Was du non ihm kennst, war doch aus einem ganz andern Krahnen! Oder ist dies eine Jugendarbeit? Und hat er sich später zu der köstlichen Manier abgeklärt, die dir an ihm so gefallen hat? Wird er zum Schluß nicht doch noch etwas aus seinem „Napoleon“ oder sonst einem Stück aus der dreibändigen Chronik zum Beispiel zum besten geben?
Nein, immer weiter entfernte er sich von der Manier, die ich an ihm schätzte.
Wer in der deutschen Literatur von heute Bescheid weiß, hat schon erraten, daß ich auf den Sternberg hineingefallen war, weil ich den Sternheim im Kopf hatte. Aber ich versichere Ihnen, ich habe selten einen Dichtervortrag mit größerer Spannung angehört.