Original

13. März 1927

Wenn je von einem Menschen richtig bildhaft gesagt werden konnte, er ragto aus der Vergangenheit in die Gegenwart herein - so war es der Fritz WolffMetternich. Er ragte von Mexiko und von Wien bis Luxemburg, von der Mitte eines Jahrhunderts bis ins erste Viertel eines anderu, er ragte aus der Zeit, wo das Pferd Trumpf war, bis in die Zeit, die der Motor regiert.

Er geht durch unsere Erinnerungen schlank wie eine Stahlklinge, mit der elastisch gelassenen Eleganz des österreichischen Cavaliers, der liebenswürdigen, ein wenig morbiden, enttäuschten skeptischen Lässigkeit, in die schon ein wenig Fatalismus vom Orient hereinfließt, und deren Wappenspruch lautet: Do konnst nix mochen!

Er kam zu uns als ein Teil jener Welt versunkenen Pomps, die wir nur aus Romanen à la Gregor Samarow kannten, der Welt des großen Hofzeremoniells, mit blauseidenen, weißbestrumpften, beachselschnürten Lakaien, Puderperücken, Spitzenreitern, Viererzügen. Darin war er, der Flügeladjutant und Oberststallmeister, etwas wie eine leis humoristische Korrektur damit das alles nicht zu ernst genommen würde, damit einer da sei, der sagte. Do konnst nix mochen!

Sie waren eigentlich zu dritt, die den neuen Hofstaat unter uns vertraten und populär machten. Der alte: Leibkutscher Koller, der seinen Jucker-Viererzug mit unnachahmlicher Kraft und Grazie kutschierte, ein männliches Pendant zu Rubens’ Aurora; sein hepp-hepp!, wenn er schlank um eine Ecke oder durch eine belebte Straße jagte, klang eindringlicher und warnender, als die schrillste Auto-Huppe. Dann war der lange Demuth, das „lange Loder“, wie er von sich zu sagen pflegte, der Leibjäger, der wie ein Rübezahl aussah und die gemütlichste Haut der Welt war.

Und über allen der Metternich. Weil er die hübschen Mädels so gerne sah, nannten sie ihn den WolffSchmetterling, und an den Faschingsabenden war er der Fritz, dem immer die schönsten Masken auf dem Knie, meist auf beiden Knien saßen.

Wir erinnern uns alle ganz genau, wie er zum allerersten Mal mit Großherzog Adolf hier am Bahnhof eintraf, wie er in seiner blauen Ulanenuniform unirdisch schlank neben seinem allerhöchsten Herrn vom Galawagen quer über die Geleise und den Bahnsteig schritt, mit dem wiegenden Schritt des Reiters, der zwei Drittel seines wachen Daseins im Sattel zuzubringen gewohnt war. Die Zeitungsberichte von dazumal müssen zwischen den Zeilen die Verblüffung über diesen Maximalvertreter einer adligen Schlankheit verraten. Seine Erscheinung versetzte uns am heftigsten in die Welt, von der ein Abglanz nun in unsern unzeremoniellen Winkel fiel.

Die süße Leichtlebigkeit, man möchte sagen die ernste Heiterkeit, das gertenschlanke Wesen des damals Fünfzigjährigen, in dessen Mund es nur natürlich klang, wenn er viel Jüngere Papa nannte, sein gemütliches Anpassungsbedürfnis, das nicht viele und nur gelassene Worte kannte, machten ihn rasch überall beliebt. Niemand traute ihm eine unfaire Regung zu. Das Ding, das der gewöhnliche Sprachgebrauch mit Hofintrige bezeichnet, hatte zu ihm kein Verhältnis.

Der Inhalt seines Lebens war das Herrenreitertum gewesen, aber er sprach nicht davon. Do konnst nix mochen. Aber um die Pferde spann sich seines und seines allerhöchsten Herrn Interesse. Denn auch dieser war nach seiner Entthronung viel im Sattel und auf dem Kutschbock zuhause gewesen; zwischen Vereinsalp und Mittenwald zeigten einem die Forster die halsbrecherischen Wege, auf denen der alte Herr bis in die letzte Zeit mit dem Jagdwagen bergab zu rasen pflegte, daß die Damen und Herren des Gefolges ihr Testament machten, ehe sie zu ihm stiegen.

Graf Wolff-Metternich hatte mitunter auch literarische Interessen. Er trug sich eine Zeitlang mit der Absicht, einen Operntext für den mit ihm befreundeten Komponisten Goldmarck zu verfassen, und die „Luxemburger Zeitung“ brachte von ihm seinerzeit eine reizende Erzählung, für die der Verfasser besonderes Honorar verlangte, um zu einem wohltätigen Werk einen Beitrag zu liefern.

Schade, daß die Erinnerungen an diese eigenartige Erscheinung so weit verblaßt sind und man sie, nach Jahrzehnten, nur noch lückenhaft wieder heraufleschwören kann. Er war ein liebenswerter Mensch, einer von denen, die für die Vortrefflichkeit einer versunkenen Welt zeugten, neben so vielen andern, die an ihrer Verhaßtheit und ihrem Zusammenbruch schuld waren.

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    Katalognummer BW-AK-015-3390