Original

19. März 1927

Man hatte einen Einblick erwartet und ein Ausblick wurde geboten: Einen Einblick in den Mechanismus des internationalen Kapitalmarktes wollte der deutsche Reichsbankpräsident uns geben, aber der Einblick wurde großzügig zum Ausblick über eine mögliche, eine wahrscheinliche Weltneuordnung.

Vor einigen Tagen war hier erwähnt, wie im Nachkriegsdeutschland der Staat, der Träger der öffentlichen Macht, seine Betriebe nicht mehr so streng und hochfahrend von der Privaterwerbstätigkeit absondert, wie er diese zu Wort kommen läßt, wie Briefkasten und Postwagen ihre Flächen der Anpreisung aller möglichen Privatprodukte zur Verfügung stellen.

Dies wirkt auf den Außenstehenden, in dessen Heimat die Behörde solche Konzessionen noch nicht kennt, wie das Symbol eines neuen Kurses, für den die Durchsäuerung der Politik mit der Wirtschaft charakteristisch ist.

Die Politik war der Wortstreit um den Vorrang der Kräfte, die im Staat richtunggebend sein wollten.

Nach dem Krieg heißt es: Primum vivere, deinde philosopharit Erst essen, dann räsonieren!

Und weil die Wirtschaft dem Volk zu essen gibt, kommt sie vor den Berufsräsonneuren, die zu glauben scheinen, der Mund sei dem Menschen nur zum reden gegeben.

Durch den ganzen Vortrag des deutschen Reichsbankpräsidenten zog sich dieser Hinweis: daß die Wirtschaft mehr als je politisch geworden ist, weil von ihr aus die Weltgesundung durchgeführt werden muß. Das Kapital muß in Wahrheit international werden, muß das Blut werden, das den ganzen Weltkörper frei durchströmt, aber da das Geld schließlich nur gemünzte Arbeitskraft ist, muß auch die hemmungslose Verwendung der Arbeitskraft zur Tatsache werden, müssen in einem Wort die Grenzen des Nationalismus und Protektionismus fallen.

Freilich plädiert der Vortragende damit in erster Linie die Sache seines Landes. Denn die Arbeitskräfte, die infolge des Krieges und seiner Auswirkungen in Deutschland brach liegen müssen, würden genügen, ganze Erdstriche urbar zu machen und Milliardenwerte zu schaffen, während sie heute sich in Not verzehren. Aber daß heute die lebendige Wirtschaft - das werteschaffende Leben - die tote, wertevernichtende Politik erst durchdringen und dann überwinden muß, hat darum nicht minder allgemeine Zukunftsgeltung.

Es lag ganz natürlich auf der Linie dieser Ausführungen, daß der Vortragende von der Rolle des Kapitalismus sprach, weil er die heutige Form der Wirtschaft ist.

Es ist seine Sendung, die Ordnung in der Welt zu sichern, indem er jedem auskömmliche Daseinsbedingungen schafft und dadurch den Bolschewismus ad absurdum führt. Ordnung heißt Schichtung, heißt Aufbau, heißt Einordnung. Jedes Konglomerat gesunder Kräfte kristallisiert sich, wenn es ungestörter Entwicklung überlassen bleibt, ganz von selbst nach den Gesetzen einer naturgemäßen Schichtung und Einordnung. Der Kapitalismus hat zu zeigen, ob seine Schichtung und Einordnung gesetzmäßig sind.

Vor längeren Jahren sagte einmal unser liberaler Führer, der unvergessene Charles Simons, in der Luxemburger Kammer: Wenn die Bourgeoisie - so nannte man damals am liebsten den Kapitalismus - nicht die Kraft und nicht den Mut hätte, sich gegen den Sozialismus durchzusetzen, so verdiente sie nichts Besseres, als den Untergang. Aber wir wollen zeigen, daß wir die Kraft und den Mut haben.

Ähnlich klangen am Donnerstag Abend die Worte, die der deutsche Reichsbankpräsident über Kapitalismus und Bolschewismus sprach.

Die Entwicklung der Menschheit hat sich noch immer nach unabänderlichen Gesetzen vollzogen. Es fragt sich nur, ob immer die geeigneten Leute da sind, die den Gesetzen Achtung verschaffen können.

Wenn nicht, so muß die Entwicklung nach einem Rückschlag wieder von vorne anfangen.

Würde der Bolschewismus Herr der Welt, so würde es vielleicht fünfhundert Jahre dauern, bis aus den Trümmern wieder die heutige - sagen wir ruhig: die kapitalistische Weltordnung erwüchse.

Vielleicht auch nur fünfzig. Das hinge ganz von der Klugheit der jeweiligen Führer ab.

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