Original

20. März 1927

Meine Freundin Heduschka hat eine eigene Art, die Menschen zu rubrizieren.

Kürzlich sprachen wir von einem Herrn, der in seinem Bekanntenkreise als witzig und allezeit schlagfertiger Gesellschafter gilt.

Heduschka sagte: Er ist ein wasserdichter Stock.

Bei einigem Nachdenken werden Sie dahinter kommen, was Sie damit meint.

Der wasserdichte Stock ist ein Ausdruck, der einmal witzig war. Ein einziges Mal: Im Augenblick, wo er geboren wurde. Witze haben alle nur „la beauté du diable“. Sie sind nur schön, wenn sie neu sind, wie der Teufel nur schön war, solange er jung war. Ein Witz, der nicht mehr neu ist, gleicht einem Flintenschuß, auf dem kein Pfropfen sitzt.

Man kann sich ausmalen, wie der wasserdichte Stock entstand. Denn einmal muß er entstanden sein, einmal muß ihn jemand zum ersten Mal gebraucht haben. Vielleicht war es Herr Grimmberger, der bei Freunden eingeladen war und abends im Regen heimgehen sollte. Die Hausfrau wird ihm einen Schirm angeboten und er wird gesagt haben: Ich brauch keinen Schirm, ich habe einen wasserdichten Stock. Vielleicht ist der wasserdichte Stock auch schon ein gut Stück älter, als Herr Grimmberger. Und heute stützen sich auf ihn Hunderttausende, weil sie aus Eigenem keinen Witz aufbringen. Sie stützen sich auf den wasserdichten Stock in der Annahme, daß ihn die andern vielleicht noch nicht kennen, und daß sie damit Eindruck machen.

Aber solche geflügelten Worte sind wie das steigende Gewässer, das überall hindringt und schließlich alle Ecken ausfüllt. Es gab ganz sicher den Moment, da im hintersten Winkel. wo die deutsche Zunge klingt, das Wort vom wasserdichten Stock seinen Einzug hielt und Gemeingut wurde.

Wer heute den Ausdruck noch gebraucht, ist ein Mensch, der einer besondern geistigen Schicht angehört, einem intellektuellen Proletariat, das im Betrieb der Gedanken nie Führerarbeit verrichtet, das nie geistige Werte schafft sondern sie nur umsetzt und verbraucht. Das seinen Geist, Witz, Humor nur fertigen Redensarten verdankt, die es ausgibt, wie entliehenes Geld, dessen Verleiher es nicht zurückfordern, mit dem man bei Leuten, die es nicht besser wissen und auch nur von geliehenem Geld leben, den Krösus spielen kann. Ich kannte einen Herrn, der beim Skatspielen jeden Stich mit einer malerischen Redensart begleitete. Er war früher Handlungsreisender gewesen und besaß ein Anekdotenbüchlein mit alphabetischer Anordnung und Einteilung in Judenwitze, Studentenwitze, Leutnantswitze, Bauernwitze, Gelehrtenwitze, in Witze, die man allen oder die man nur gewissen Damen erzählen konnte, mit einer besondern Abteilung für Mikoschwitze.

Diesem Herrn lagen die malerischen Redensarten für jede Wendung, die das Spiel nehmen konnte, zur Hand, wie dem Zahnarzt seine Zangen. Wo er an einem Spiel beteiligt war, sammelten sich die Kibitze, nur um seine Glossen zu hören. Es waren Sprüchlein, wie sie jedem Commis-voyageur geläufig waren, die aber dem seßhaften Publikum als Echo aus der großen schönen wilden Welt imponierten.

Diesen Herrn hätte meine Freundin zweifellos zum König der wasserdichten Stöcke ausgerufen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3396