Original

22. März 1927

Kürzlich feierte, wie wir in den Zeitungen lasen, das Lied von der Lindenwirtin sein Halbjahrhundertjubiläum. Vor fünfzig Jahren dichtete es Rudolf Baumbach: „.... Vor ihm stund ein volles Glas - Neben ihm Frau Wirtin saß - Unter der blühenden Linde.“ Und in Scharen zogen die Bonner Studenten nach Godesberg zum Ännchen Schumacher, dem Urbild der Lindenwirtin.

Lindenwirte und Lindenwirtinnen gibt es vor allen Stadttoren. Sowie der erste Schuß Frühling in die Luft kommt, besinnen sich die Städter darauf, daß es braußen Wälder mit Seidelbaft und Wiesen mit Gänseblümchen gibt. In engster Ideenassociation zu Seidelbast und Gänseblümchen stehen Humpen, Pöttchen sowie Schinken. Wurst und Käse. Die gibt es beim Lindenwirt oder der Lindenwirtin. Halten wir die als Typ fest, ob sie Peter oder Paul, Ännchen oder Käthchen heißen.

Manche entstehen und vergehen im Verlauf einer Krisenwelle. Andere waren da, sind da, werden da sein, solange sie sich selbst treu bleiben und solange sie nicht von der Stadt überwuchert werden. Es sind die Häuser, in denen man als allzeit hungriger Hosenmatz mit Vater und Mutter einkehrte, wo man als Lehrling oder Pennäler heimlich ein dürftiges Taschengeld in keimendem Mannesgefühl verzechte, wo man als Zwanziger mit seinem Schatz sich Mut zu späteren Schäferstündchen trank. wo man mit Frau und Kind am Sonntag Nachmittag luftschnappend hinauszieht wo man als Mummelgreis einst in milden Oktobertagen sich sonnen, mit dem Wirt gemeinsame Jugenderinnerungen auffrischen und sagen wird: „Wer weiß, es ist heute zum letzten Mal, daß wir hier zusammen sitzen“ Wobei man zuversichtlich offen läßt, ob man selbst oder ob der andere übers Jahr nicht mehr dabei sitzen wird.

Diese Lindenwirtshäuser sind klassiert,. wie Börsenpapiere. Manche sind mündelsicher, andere schwanken im Kurs. Von den einen weiß man, daß sie immer ein gutes Glas Bier, ein treffliches Glas Wein, einen vorzüglichen Schinken im Schnitt und einen selbstgekochten Käse im Küchenschrank haben. Bei den andern ist es, wie’s eben trifft. Es gibt Städter, die nie in einem andern Haus einkehren, als ihrem alten Stammlokal. Sie sind überzeugt, von allen Gästen, die dort verkehren, sind sie am intimsten mit den Wirten befreundet. Ihre Kinder wachsen in die alte Freundschaft hinein, spielen mit den Kindern der Wirte im Sand und prügeln sich mit ihnen, was der Freundschaft keinen Eintrag tut.

Es gehört zum Lindenwirtshaus eine ganz eigenartige Psyche, bei Wirten wie bei Gästen. Ein Lindenwirt, der sich beflissen und weltmännisch höflich gäbe, würde nicht populär. Beflissenheit und Galanterie sind städtische Artikel, denen man auf dem Land mit Mißtrauen begegnet. Die Vorliebe der Städter für Schlichtheit und Behäbigkeit bei den Lindenwirten erklärt sich psychologisch. Die Leute empfinden: Was muß dieser Mann für guten Schinken und Käse, für treffliches Bier und süffigen Wein haben, daß er sich erlauben kann, so gar keine Fisematenten zu machen! Er geht mit dem Hut auf dem Kopf zwischen den Gästen herum, als sei er selber ein Gast, der sich einen möglichst bequemen Platz sucht. Er setzt sich auch wohl mal zu einer Gruppe von Gästen und fragt, wie es ihnen das letzte Mal bekommen sei. Und er zeigt ihnen, was er alles in jüngster Zeit in seinem Lokal verbessert hat. Freut sich diebisch, daß niemand eine Veränderung bemerkt hat, trotzdem er die schöne neue Täfelung angebracht hat, wo früher die Tapete bis auf den Boden ging: und der neue Kachelosen, und die funkelnagelneuen Fußböden - und trotzdem scheint alles, wie es war. Die Leute sehen einfach keine Veränderung, und das ist gut so. Denn „die Gewöhnung nennt er seine Amme“. In dem gemütlichen Rahmen, in dem die Besucher ihre freundlichen Erinnerungen von früher bewahren, wollen sie sich auch die neuen Genüsse einverleiben.

Ich schlage vor, geneigter Leser, wir lassen die Elektrische fahren und trinken noch eins.

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    Katalognummer BW-AK-015-3397