„Mer haten eso’ Fred!“
Männlein und Weiblein - wie wunderbar bezeichnet der Ausdruck, daß es nicht Damen und Herren, nicht Männer und Weiber, sondern eben Männlein und Weiblein sind! - Männlein und Weiblein sitzen am Bier- oder Kaffeetisch und käuen die Freuden von gestern abend wieder. Ein Faschingsabend, vielleicht, oder sonst eine Schwofangelegenheit, oder ein Ausflug mit erotisch-alkoholisch betonter Fermate.
Verflossene Freuden sind wie Sauerkraut, Hasenpfeffer und Nudeln, drei Sachen, die bekanntlich aufgewärmt am besten schmecken.
Verflossene Freuden haben gegen frische etwas ätherisch Verklärtes, Mildes, Veredeltes.
Im direkten Genuß sind sie nie schlackenlos, immer haftet ihnen das Grobe der Materie, der Unmittelbarkeit an. Sie sind, wie manche Photographien, zu scharf, unkünstlerisch eingestellt, durch allerhand Kantenwirkung beeinträchtigt Ein Schuh drückt, Kohlensäure stößt auf, eine Zigarre ist teuer und schlecht, ein Herz klopft, eines sitzt unbequem, es ist zu warm, zu kalt, es ist eine Angst in der Luft vor unangenehmen Überraschungen, Polizei, Gatte, Gattin, der Andre, - alles Kontingentien, die einem das schönste Pläsier verhageln können, die die Materialität des Genusses durch Randstörungen versalzen.
Ist aber die Freude durch den Schlaf einer Nacht oder eines Vormittags in die Verklärtheit der Erinnerung gerückt, dann fallen alle diese Schönheitsfehler von ihr ab und nur die Poesie bleibt zurück.
Der junge Mann erinnert sich gerührt und tapfer, hoffnungsselig und erfüllungssehnsüchtig des gestrigen Abends. Zwar war er verschnupft, hatte kein Geld und war ein mittelmäßiger Tänzer, aber seine hübsche Nachbarin hatte es ihm angetan, ein Freund pumpte ihm einen Hunderter für mehrere Flaschen Schaumwein und er tanzte sich derart in Temperatur, daß sein Schnupfen sich auf sämtliche Poren seiner Haut verteilte.
Aber andern Tags ist alles verschwunden, der Schnupfen, die Tanzverzagtheit, der Pump, nur sie allein steht ihm als Inhalt des Weltalls noch gegenüber. Er kann nur an ihre Augen denken, an ihren Nacken, an ihren Gang - Gang und Nacken der Frauen sind Dinge, an die die Verliebten früher nur sehr bedingt denken konnten - er denkt an ihre Händedrücke, an die schlanken Rückenmuskeln, wie sie beim Charleston warm in seiner Handfläche zuckten, an die Verheißungen ihrer Blicke, an die geöffnete Frucht ihres Mundes. Und die süße, alkoholische Müdigkeit des Lendemains ist morgenrötlich durchwärmt, wattiert alle Konturen, ist das weiche Blumenboot, in dem der junge Mann auf sanften Wogen zwischen bunten Wiesen rosaroten, lauwarmen Wonnen entgegentreibt.
Und dem Mädchen geht es ebenso, nur daß sie gewöhnlich an einen andern denkt.
„Mer haten eso’ Fred!“