Original

24. März 1927

Jede öffentliche Einrichtung erlebt es hierzulande, daß sie eine Zeitlang zum Gegenstand eines Runs der öffentlichen Entrüstung wird. Massenpsychologie. Im Dunkeln wächst langsam ein Verdacht, oder auch nur eine Verdächtigung, vereinzelte Blasen steigen, und eines Tages ist der ganze Teich in Wallung.

Dann beruhigt er sich wieder, die Wellen glätten sich und es kommt eine Zeit, wo es keiner will gewesen sein. Das Volksgespräch hat seine Moden, die kommen und vergehen, und selten nur ist eine so tief verankert, daß sie zum dauernden Gemeingut der öffentlichen Psyche wird.

Was haben wir in dieser Beziehung nicht alles erlebt! Die Ältern von uns erinnern sich noch genau der beiden Angelegenheiten, die vor zirka drei Jahrzehnten die leidenschaftliche Parteinahme der Bevölkerung für und wider - meist wider - herausforderten: der Piff und das Glockenspiel. Die ungeheuerlichsten Panamaskandale wurden an die Wand gemalt, die Seelen der Luxemburger wurden wie Brauselimonade, wenn einer in ebenso versteckten wie aufgeregten Worten von den Verbrechern sprach, die da - man wußte nicht genau wo? - die Hand im Spiele hatten. Heute lächeln darüber die, die sich am meisten geärgert hatten.

Es scheint ein neues Geschwür in der öffentlichen Meinung sich bilden zu wollen. Ein Geschwürchen nur. Aber es ist schon in die Zeitung gekommen. Es gährt gegen die Theaterkasse Jedesmal, wenn ein Stück großen Zulauf hatte, hörte man nachher gotteslästerlich gegen den Kassenbetrieb fluchen: Parteilichkeit, Verrottung, Durchstechereien und ähnliche Riesenworte.

Die Betroffenen trugen es mit Humor, denn sie besaßen Menschenkenntnis, insbesondere die Kenntnis der Menschen, die sich ärgern, weil sie keine Karte zu einer Vorstellung bekommen haben, auf die sie sich gefreut hatten. Das kommt auch in Großstädten vor. aber da hat der Ärger keine so bestimmte Zielscheibe, wie hier.

Es ist, glaube ich, an der Zeit, in dieser Sache ein aufrichtiges Wort zu reden.

Die Herren, die heute die Theaterkasse besorgen, haben in dem Betrieb jahrelange Übung. Der kassentechnische Teil liegt mit in den Händen eines Bankprokuristen, der in diesem Zweig spezialisiert ist. Seine Rechnungsablagen und die andern, die sich darauf aufbauen und der Stadtverwaltung und Regierung vorgelegt werden, sind von anerkannt peinlicher Genauigkeit. In der Festsetzung der Kassenstunden wird dem Publikum nach Möglichkeit entgegengekommen.

Das alles steht jedesmal in den Anzeigen.

Aber das Publikum pflegt die Anzeigen in den Zeitungen nicht zu lesen und verheddert sich in den Kassenstunden, die notwendig bei uns eine komplizierte Sache sind, weil wir ein eigenes System von Abonnements haben. Der Abonnent ist für alle Vorstellungen gebunden, wenn er nicht rechtzeitig absagt, und auch dann bleibt er gebunden, falls seine Karte keinen Liebhaber findet. Dazwischen fallen Vorstellungen mit aufgehobenem Abonnement. Neue Komplikation. Und neue Unterlassungssünde des Publikums, das die Annoncen nicht liest.

Unser Amphitheater z. B. zählt 125 Plätze, davon sind 108 abonniert. Es wird ein Zugstück angekündigt. Run auf die 17 freien Plätze. Alle, die leer ausgehen, schimpfen auf den Kassierer, natürlich.

Ähnlich liegt der Fall für die Stalles.

Anderswo findet der Vorverkauf in Privatgeschäften statt. Wie will man das hier handhaben, ohne die Rechnungsführung noch mehr zu belasten und ohne noch viel mehr Reklamationen herauszufordern? Denn dann würde sich natürlich der Verdacht des Favoritismus durch die Zahl der Verkaufsstellen multiplizieren.

Wer sich aufrichtig Einblick in die Sache verschaffen will, wird sich überzeugen, daß grade der Kassenbetrieb bei unserm städtischen Theater in den Händen eines durchaus zuständigen und gewissenhaften Personals liegt, daß die Schauergeschichten, die herumgetragen werden, auf nichts beruhen, und daß an etwaigen Unstimmigkeiten entweder die Undiszipliniertheit eines Teils des Publikums oder die räumliche Beschränktheit des Hauses bei Zugstücken die Schuld tragen. Wenn man zum Beispiel erzählen hört, einer habe eines Tages 60 Amphitheaterplätze gekauft und mit Riesengewinn abgesetzt, so weiß man, was davon zu halten ist, wenn man sich erinnert, daß überhaupt nur 17 Amphitheaterplätze in den freien Verkauf kommen, und dann nicht mehr, als zwei, an dieselbe Person.

Wenn also einer Grund hätte, sich zu ärgern, wäre es das verleumdete Kassenpersonal.

Aber wer ein gutes Gewissen hat, hat solchen Dingen gegenüber meist auch Humor.

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    Katalognummer BW-AK-015-3399