Original

25. März 1927

Gegensätze? Das Leben ist voll davon.

Es strömt mit tausend Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten dauernd an Großem und Großartigem vorüber, und nur wer einen dieser tausend Gegensätze als ein Neues erlebt, wird sich dessen bewußt.

Mainz, am Tag vor dem großen Faschingszug.

Nicht die Neugier, ein paar Pränumerando-Masken zu sehen, hatte mich hingelockt; sondern das Leid des alten Invaliden, der in seinem sechsten Jahrhundert durch heimtückische Unterminierung bedroht wird, des mächtigen Mainzer Doms, von dem sie eine Zeit lang unsicher waren, ob er vor Zusammenbruch zu retten wäre. Die Rheinregulierung hat aus seinen Fundamenten das Wasser zurückgezogen, in dem die uralten Stützbalken vor Fäulnis sicher standen, und an dem steinernen Riesenleib zeigten sich verdächtige Risse, deren Ursache erst eine gründliche Untersuchung aufdeckte. Teile der Grundmauern hingen buchstäblich in der Luft. Nun ist eine Stützaktion im Gang, wie sie sorgfältiger noch keinem verkrachenden Finanzinstitut zuteil wurde.

Dies imposante Erbstück des Mittelalters wollte ich in seinem jetzigen Zustand sehen. Mainz bestand für mich an dem Tag nur aus seinem gefährdeten Dom. Seine Riesensilhouette sieht man schon von weiten von dem ungeheuern und zierlichen Gerüst umgittert. Jahrhunderte stehen auf und bilden den gewaltigen Hintergrund zu diesem fremdartigen Gesicht, in dem Vergangenheit und Gegenwart so seltsam unmittelbar ineinander greifen - als reichten sich die alten und die neuen Steinmetzen über ein halbes Jahrtausend hinweg die Hände. Und durch diese Vorstellungen zieht als Gegensatz der farbige Alltag von heute mit den Menschen, die im Einzelnen vor solcher historischen Perspektive winzig wirken; offene Autos fahren langsam vorüber, mit den Würdeträgern des Karnevals in blausamtnem Faltenwurf und weißen Narrenkappen, feierlich, wie auf einem eucharistischen Kongreß, vereinzelte Masken üben ihr Narrentum gelassen aus, wie einen bürgerlichen Beruf.

Oder ein Nachmittag im alten Frankfurt. BethmannHaus mit den zierlichen schmiedeeisernen Gittern, dem lebensgroßen Straußenbild: „Ein Strauß war anderthalb Jahr alt - In Größ und Form gleich dieser Gestalt - Aus Tunis, dem Barbarienland - Ward uns seit Anno 1577 bekant.“ Gebr. Bethmann, geg. 1748. - Alte Gassen, Rathaus, Römerberg. Einige hundert Meter abseits, Hirschgraben mit Goethehaus. - Der Römerberg ist das Intimste an altem Städtebild. Andre Plätze sind flach, womöglich eingeebnet. Dieser hat die wiegenförmige Einsenkuug behalten, die er vielleicht schon hatte, als dort noch Urwald war. Wer vor dem Römer steht und die Melodie dieses einzigen Platzes unter sich schwingen fühlt, möchte eine Rede an das Volk halten. Und die Winkelgäßchen, die von dort bis zum Main und an den Dom führen, mit überhängenden Stockwerken, farben- und formenfroh, naiv herrlich, eine Vision, wie sie die Maler heute nicht mehr malen wollen, ein Spitzweg, und darum desto seltener. Du versinkst in der Zeit.

Da fährt ein Mann mit einem Schubkarren vorbei. Er trägt eine Gesichtsmaske am Hinterkopf. Es sieht von hinten grotesk aus. Sein Kopf geht rückwärts, während die Beine vorwärts gehen. Frauen und Kinder folgen ihm in stiller Freude und Bewunderung. Und er schiebt zufrieden seinen Karren durch die Gassen. Die ganze Größe einer von ergreifendem Geschehen vibrierenden Vergangenheit steht befremdet gegen dies Stückchen lebendiger Gegenwart, das sich um jene nicht mehr kümmert, als um die Wolken am Himmel, um das breite Strömen des Mains, um verflossene Krönungsprächte und um das ganze langsame Werden, in dem es ist, wie ein Fädchen auf dem Webstuhl.

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    Katalognummer BW-AK-015-3400