Original

26. März 1927

Es kann mit den Jahren zur richtigen Leidenschaft werden, auf eigenen und fremden Stammbäumen herumzuklettern.

Psychologisch hängt das damit zusammen, daß ein jeder, der sich auf Reisen befindet, sich für die Leute, die am Reiseziel wohnen, um so stärker interessiert, je mehr sich die Fahrt dem Ende nähert.

Da, wo wir alle hinfahren, wohnen ja die, die vor uns hingefahren sind, und sie sind die Onkel und Tanten, Vettern und Basen der Reisegefährten; deshalb finden wir einen besondern Reiz darin, ihnen nachzuspüren: Wo sie herkamen und wie ihr Schicksal war.

Ein Musterbeispiel dieser Durchforschung einer Ahnenreihe enthält die letzte Nummer der „Cahiers Luxembourgeois“ aus der Feder der HH. Emil Diderrich und Nik. Ries. Es betrifft die Familie Vesque (de Puttlange), deren Nachkommen in ungebrochener Lebenskraft noch heute unter uns leben.

Mit unglaublicher Sorgfalt und Genauigkeit sind in jahrelangen Mühen aus allen möglichen Scharteken die Spuren aufgestöbert, die in die Vergangenheit dieser merkwürdigen Familie führen. Ein Zweig ist nach Österreich abgesprengt, wo ihm ein großer Musiker entsproß, und die Musikbegabung war auch in den luxemburger Vertretern des Geschlechtes ein wirkliches Rassemerkmal. Jean Vesque war in den 1880er Jahren Organist und Klavierlehrer in Diekirch. Wenn er in seinen Ferien daheim in der Kirche in Stadtbredimus, wo seine Vorfahren durch Geschlechter anfässig gewesen waren, die Vesperpsalmen begleitete, saß man im Hörselberg. Was unter seinen Fingern hetvorquoll, war unirdisch schön. Auch hatte er als einer der ersten Luxemburger von den Engländern in Diekirch das Fliegenfischen gelernt.

Sein Vetter Julien Vesque, der sich in Paris als Naturforscher einen Namen gemacht hat, war ein hervorragender Geigenvirtuose, sein Bruder Nikolas, der in Sierck starb, hatte sich, so ganz nebenbei, ohne jeglichen Unterricht zu einem vortrefflichen Klavierund Orgelspieler ausgebildet, seine Vettern waren immer die besten und geschultesten Sänger. Es ist ein kostbarer Beitrag zur Geschichte der luxemburger Familien, den die beiden Herren uns in dieser Arbeit schenken. Überlieferungen, die am Verblassen waren, werden festgehalten, und Fäden, die lange im Verborgenen sich spannen, werden aufgedeckt.

In derselben Nummer - deren Inhalt im ganzen starkes Interesse beansprucht - stellt sich M. T. in Sachen Rodange in den fünf ersten Zeilen auf seiten der „Voix des Jeunes“, in den folgenden Zeilen auf die andere Seite. So haben beide recht, und der Leser kann über Rodange denken, wie er will. Das tut er so wie so.

Viele Aufsätze in den „C. L.“ waren früher virtuell anonym, da sie nur mit Initialen oder Pseudonymen gezeichnet waren. Vei Glossen, Bücherbesprechungen usw. ist das die Mode. Jeder weiß übrigens, daß hinter den Anfangsbuchstaben ein Mitarbeiter steckt, dessen voller Name an anderer Stelle der Nummer unter einem größeren Aufsatz steht. Aber warum eine schüchterne Anonymität auch bei Novellen, Romanen, längeren Beiträgen beibehalten? Wenn da steht J. P., so weiß jeder, es ist Jean Pétain, und wenn es nicht Jean Pétain ist, so ist es eine Irreführung.

Bei der „Voix des Jeunes“ begreift man, daß junge Studenten nicht mit ihrem ganzen Namen hervortreten wollen. Die Gründe sind so einleuchtend, daß sie nicht entwickelt zu werden brauchen. Aber bei den „C. L.“ wäre die Anonymität ein unnötiges und unangebrachtes Zeichen von Dilettantismus. Ihre meisten Mitarbeiter sind Professionelle der Feder, denen man immer wieder gerne begegnet, allen voran Nik. Ries. Warum sollen sie also nicht alle mit vollem Namen vor die Front treten? Der rheinische Dichter Lco Sternberg ist Amtsrichter in Rüdesheim, was ihn nicht verhindert, seinen Cumul als Dichter offen zur Schau zu tragen. Karl Schönherr ist Arzt, wie es der Dichter von „Dreizehnlinden“ war, und Goethe war Minister. Sie schrieben und schreiben deshalb nicht anonym. Manche Leute wollen leider mit ihrer Anonymität betonen, daß sie das Schreiben nur so gelegentlich nebenbei als Zeitvertreib ausüben wollen. Das ist im Grund nur Prätension. Als wollten sie sagen: Worum andere sich im Schweiße ihres Angesichts mühen, das schüttle ich nur so aus dem Ärmel.

Wollen wir im Schrifttum auf einen grünen Zweig kommen, müssen wir mit diesem albernen Dilettantismus brechen. Sonst leiden wir ewig an dem Zustand, der schon einmal hier als literarische Hundekrankheit bezeichnet wurde.

Daß die „C. L.“ mit dieser Gepflogenheit brechen, ist ein Beweis dafür, daß sie den Dilettantismus überwunden haben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3401