Daß die Engländer ein einsichtiges und mutiges Volk sind, beweisen sie u. a. auch dadurch, daß sie „ich“ immer groß schreiben.
Sie sehen also ein, daß für jeden Menschen er selbst die Hauptsache ist, und sie haben den Mut, sich offen zu dieser Einsicht zu bekennen.
Jeder ist in der Tat sich selbst so unbedingt die Hauptsache, daß er unablässig durch sein eigenes Ich verbleudet ist. So kommt es, daß er sich ruhmredig in den Vordergrund drängt, auch wenn er von sich nur Leistungen anzuführen hat, die in der Regel Geringschätzung, Mitleid oder Verachtung herausfordern.
Jemand sagt: „Ich esse den Häring gern nur als Salat“ - mit demselben Stolz und Selbstbewußtsein, wie ein Frommer sagen würde: „Ich liebe Gott über alles und den Nächsten wie mich selbst.“
Der eine bildet sich ebensoviel darauf ein, daß er an seinem Stammtisch der Skatkönig ist, wie ein anderer, daß er einen Herzkönig nicht von einem Treffbuben unterscheiden kann.
Es kann Ihnen jeden Tag passieren, daß Ihnen ein junger Mann erzählt, wie er seinen Alten um ein paar Hunderter geprellt hat, um sich eine Nacht mit Frauenzimmern herumzutreiben, und wie er dabei noch obendrein mehr Schulden gemacht hat, als er in sechs Monaten wird bezahlen können. Er will damit sagen: So ein Mordskerl bin ich! Ein anderer erzählt mit schlecht verhehltem Stolz, daß er sich Tags vorher finnlos betrunken und die tollsten Sachen gemacht hat. Nur um sein Ich in den Mittelgrund zu stellen, über alle andern auf ein Piedestal, und wäre das Piedestal auch ein Nachttopf. Jeder Verbrecher sehnt sich nach einem Kreis, in dem er sich seines Geheimnisses entbürden kann, sagen, daß er es war, der die alte Frau in dem einsamen Häuschen totgeschlagen und beraubt hat, erzählen, wie er der wahnsinnigen Lust, ihr den Hals zuzudrosseln, nicht widerstehen konnte, wie es ihm jedesmal beim Anblick eines bloßen Halses bis in die Fingerspitzen fährt, daß er hingreifen und zudrücken muß. Ich - ich - ich! Ich bin von der Vorsehung mit diesem tödlichen Trieb ausgezeichnet, ich kann nicht dafür, ich bin nun einmal so, ich - ich - ich! Ihr mögt mich fürchten, mich bedauern, bemitleiden, mich köpfen, hängen, elektrokutieren, aber seht mich an, bin ich nicht ganz was Besonderes!
Denn ganz was Besonderes will jeder sein, wenn nicht im Guten, dann im Bösen, wenn nicht ein heiliger Franz, dann ein Schinderhannes. Und die solches von sich nicht wahr haben wollen, sind die Schlimmsten. Es sind die falschen Bescheidenen, deren Ichgefühl sich in Schwäche aufgelöst hat und in Mißgunst umgestanden ist. Manchmal freilich auch in Galgenhumor; dann sind sie jene liebenswürdigen Kerle, mit denen man gerne zusammen ist, solange der Alkohol nicht die eine Seite ihres Doppelwesens bindet, daß die andere frei wird und über die Stränge schlägt.
Wenn Egozentrizität eine Krankheit ist, dann ist sie jedenfalls die bekömmlichste aller Krankheiten. Ohne sie bestünde die Menschheit keine zwei Jahrhunderte mehr - hoch gerechnet. Sie wäre eine Uhr ohne Feder, ein Schiff ohne Ballast.
Egoismus gilt nur deshalb nicht als Tugend, weil jeder Mensch den Egoismus bei den andern aus Egoismus verdammt. Dafür ist aber umgekehrt der Egoismus schuld daran, daß Mut als Tugend und Heldentum als Heiligenschein gilt. Weil damit stets der Mut und das Heldentum der andern, die für uns streiten, also unser eigener Vorteil gemeint ist.