Original

29. März 1927

Gegen Ende des Krieges flog uns eine anonyme „Neu-Buddhistische Zeitschrift“ aus Berlin-Wilmersdorf auf den Redaktionstisch. Eben fällt mir das verstaubte Exemplar der Frühjahrsnummer 1918 in die Hände und ich lese darin „Einiges über Zeitungen und Zeitungslesen“.

Es sind vernünftige Gedanken. Und wenn man bei andern über seine eigenen Belange vernünftige Gedanken findet, tut man natürlich nichts lieber, als daraus für sich Kapital schlagen, indem man sich öffentlich darauf beruft.

Was hiermit geschehen soll.

„Die Schuld für den Mangel an Verläßlichkeit trifft die Tageszeitungen nur zu einem Dritteil. Das zweite Dritteil der Schuld trägt die Leserwelt, und das letzte Dritteil der Charakter der Tagesereignisse. Jedes Ereignis, das aus dem Gärbottich der Wirklichkeit kommt, ist vieldeutig. Im Schmelztiegel sehen Gold und Tomback gleich aus. Erst in der Verarbeitung und im Gebrauch scheiden sie sich.

Ohne einen gewissen inneren Gehalt steht man der Tagespresse wehrlos gegenüber und ist in Gefahr, von ihr erdrückt zu werden, wie der menschliche Körper vom Atmosphärendruck erdrückt werden würde, wenn er ihm nicht seinen eignen Innendruck entgegensetzen könnte. Man muß das Wesen der Wirklichkeit kennen, wie der Buddhismus es kennen lehrt, um den Wert der Zeitung richtig einschätzen zu können.

Die Zeitung hat im Grunde nur zwei Aufgaben:

Erstens Angebot und Nachfrage zu vermitteln, und zweitens Tatsachen zu verbreiten. Diese Tatsachen zu deuten, zu verarbeiten, soll dem Leser überlassen bleiben.“

„Der Vernünftige liest die Zeitung nicht aus Neugierde, sondern mit dem Bewußtsein, dadurch sich selber gegenüber eine Pflicht zu erfüllen. Ebenso wie der Vernünftige nicht aus Genußsucht ißt, sondern mit dem Bewußtsein, dadurch sich selber gegenüber eine Pflicht zu erfüllen.

„Zeitungen sind nicht Gradmesser der Kultur. Es hat Epochen hoher Kultur gegeben, wie zum Beispiel die griechische und die romische Antike, die praktisch frei waren von der Zeitung Es hat andere ebenso hohe Kulturen gegeben, wie zum Beispiel die chinesische und die babylonische, die sich der Zeitung in starkem Maße bedient zu haben scheinen.

„Die Zeitung ist nichts als ein Instrument der Kultur. Ob ein Instrument zum Heil oder Unheil gereicht, das hängt nicht von ihr, sondern von der Anwendung ab.

„Uns von heute sind die Zeitungen über den Kopf gewachsen. Daran ist weniger ihr eigener Riesenwuchs schuld als vielmehr das zwerghafte Persönlichkeitsgefühl des modernen Menschen.“

„Der moderne Mensch, wie er in bezug auf Ernährung kein Selbstversorger ist, so ist er es auch nicht auf geistigem Gebiet. Wie er zu einem komsortablen Leben die Bodenprodukte der ganzen Welt gebraucht, so gebraucht er dazu auch die Tagesneuigkeiten der ganzen Welt.“

„Einer gehässigen Zeitung mißtraue, wie du einer gehässigen Religion mißtraust. Gehässigkeit ist immer kleinlich und der Kleinliche ist von allen Führern der schlechteste.

„Das ist das Schlimme an den Tageszeitungen, daß sie gerade bei den wichtigsten Vorgängen nicht als wirkliches Sprachrohr dienen, sondern als eine Art Wandschirm, auf dem die Ereignisse in Form von Schattenbildern sich projizieren. Der Verständige weiß das, bemißt den Wert der Ereignisse danach und sucht im stillen den Regisseur des Spiels. Der gemeine Mann aber nimmt alles für Wirklichkeit aus erster Hand und bellt die Bilder auf diesem Wandschirm an wie ein geweckter Mops, je nachdem wütend oder schmeichelnd. Außererdliche Zuschauer würden hohe Schaugelder bezahlen, um sich diese Komödie anzusehen.

„Die Wirklichkeit ist so beschaffen, daß Wahrheit und Gerechtigkeit nie ein schlechtes Geschäft sind. Auch die Zeitungen sollten das begreifen.“

„Kennzeichen und Blüte aller wahren Kultur ist die Toleranz, die Duldung. Und diese wieder ist die Fähigkeit, sich in den Standpunkt des Anderen zu versetzen, wobei dann ein jeder unschwer erkennen wird, daß auch den Anderen das treibt, was ihn selber treibt: die Selbstsucht. Kehrt das „Liebet eure Feinde“ um in „Lernt eure Feinde verstehen“, und ihr werdet dem Weltfrieden mehr dienen als mit dem energischsten Pazifismus; und, was das beste ist, ihr werdet dabei imstande sein, eure Rechte besser zu vertreten als durch blinde Gehässigkeit. Eine Zeitung, die ihren Beruf darin begriffen hat, dem gegenseitigen Verstehen zu dienen, könnte Priesterin einer neuen Religion werden.“

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    Katalognummer BW-AK-015-3403