Die Todesanzeige sagt, er sei nach kurzer Krankheit im Alter von sechsundachtzig Jahren gestorben.
Nach kurzer Krankheit! Wie ich ihn kannte, hätte er eine lange Krankheit überhaupt nicht ertragen. Er war es nicht gewohnt, müßig zu liegen. Also war es sicher, daß er entweder sterben oder rasch genesen würde.
Er ist vom Leben genesen. Was wir sterben nennen.
Ich widme ihm diesen Rachruf aus dankbarem Herzen. Denn ich verdanke ihm viele meiner schönsten und farbigsten Kindheitserinnerungen.
Er war derjenige Mensch, von dem ich immer den Eindruck hatte und behalten werde, daß er das lauterste Vorbild von Pflichttreue war, ohne ein Duckmäuser, ein Pedant, ein Kopfhänger und ein feierlicher Dummkopf zu sein, was die sogenannten Pflichtmenschen leider nicht selten sind.
Er war ein einfacher Winzer und Landwirt und versah nebenbei an der Dorfkirche sein Leben lang das Küsteramt. Viele Geschlechter im Dorf wußten und wissen von keiner Zeit, wo er nicht die Glocken geläutet, die Toten begraben, die Altäre geschmückt, die Messe und Vesper gesungen hätte.
Er war im Äußern eine der Gestalten, in denen sich die unnachsichtige Arbeit verkörpert, der improbus labor, der Berge versetzt und Geschlechter gründet. Eine hagere, knochige aber nicht derbe Gestalt. Ein bartloses Gesicht mit scharfen Zügen, in einer Zeit, wo noch der Bart als des Mannes Zier galt. Bei ihm war die Bartlosigkeit wie ein Sinnbild des Verzichtes auf das Überflüssige, Nebensächliche, Entbehrliche. In seinen Augen war der Ausdruck, der verrät, daß sich Augen nicht mehr, als nötig, im Schlaf geschlossen haben, eine stille, friedvolle Hartnäckigkeit, die sich auf ihr Ziel tichtet und ohne Sprung und Hast, aber mit dem unbeugsamen, tiefen Willen, es zu erreichen, darauf losgeht. Es waren sozusagen neutrale Augen. deren Energie eher passiv schien, aber auch die ruhige Gewißheit verriet, daß sie am Ende doch recht behalten würde.
Ich sehe ihn noch in der Kirche hantieren, an den Vorabenden der hohen Feste, wenn wir Messediener beim Schmücken helfen mußten - oder durften. Er hatte in seinem Wesen eine wohltuende Mischung von Ehrerbietung und profaner Natürlichkeit. Er beugte sich vor der Gottheit und vor ihrer Allgegenwart im Tempel wie ein freier Mann sich vor einem König beugt, ohne Bewußtheit, ohne Absicht, das Verhältnis zu betonen, so wie ein gesunder und freier Bauer auf der Gewann die Mütze vor einem Wegkreuz zöge. Er wußte in der Liturgie Bescheid bis in die heimlichsten Eckchen, berechnete die Festesdaten, schlug die Choräle auf, holte vor Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam, Weihnachten, Ostern und minderen Festen die Altarsträuße, Fahnen, Meßgewänder, Leuchter und alle Schmuckstücke secundum ordinem hervor und stellts sie auf, gewandt, geräuschlos, ohne mehr Worte, als nötig waren, sich den jungen Gehilfen verständlich zu machen. Ich werde es ihm nie vergessen, wie er mir einmal eine Probe seines Gerechtigkeitssinnes gab. Wir standen zu ein paar der jüngsten Chorknaben zwischen den Kirchenbänken, über die quer eine Fahnenstange lag. Neben der Stange standen auf einer Bank ein paar Porzellanvasen mit goldblechernen Altarsträußen. Mein Kamerad drängte mich heimtückisch wider die Stange, daß ich hinfiel und im Sturz die Vasen herunterwarf. Zornig kam der Küster auf uns zu und ohrfeigte - den andern. Und als der protestierte, sagte er lächelnd: Sei still, ich hab’s gesehen, wie du ihn angestoßen hast.
Und dann, die fröhlichen Waldfahrten der Messediener am Vorabend von Fronleichnam, voran der Rische Franz mit seiner Krummhacke, auf der Suche nach Maien, die wir dem Förster zum Tort im Wald klauen mußten. Um die Zeit waren immer schon an einem Baum die Kirschen reif, und dieser Baum - Uedems hire Kieschebaam - stand zufällig an unserm Weg zum Wald. Und so kommt es, daß der alte Küster und Lauda Sion und erste Kirschen und junges Buchenlaub in meinen Erinnerungen immer zusammengehören werden.
Und die Winterabende, in der Gesangschule: Wenn die stimmbegabte Männer- u. Knabenwelt des Dorfes sich im Schulsaal um den brummenden Kolonnenofen sammelte und die Chöre einübte, die ihnen der Dicks aus dem Schloß oder der Vesque Jang von Diekirch geschenkt hatten: Aus der „Weißen Dame“ das Lied von der tapfern Schar Avenel’s, oder: Jeder Schäfer wird jetzt kühner - Sanfter jede Schäferin. - Und: Freiheit, Freiheit ist nur in dem Reich der Träume. - Und: Das Lied vom Wein ist leicht und klein, und viele andere, die ganz sicher schöner waren, als alle Chœurs de concours der letzten dreißig, vierzig Jahre.
Heute werden sie ihm daheim zum Abschied singen: „Ruhe in Frieden - Selig geschieden“ - auf die Weise: „Wie sie so sanft ruh’n - Alle die Seligen“ - wozu er seit anderthalb Menschenaltern unzählige Male den Takt an offenen Gräbern geschlagen hat.
Und er wird sanft ruhn, vielleicht zum ersten Mal, seit ihn das Leben in seine harteu Hände genommen hatte.