Ich wollte nicht schon wieder über ihn schreiben, trotzdem er ein langjähriger Freund von mir ist. Aber er weiß nicht, wie die Leute sind. Sobald man mehr als einmal über denselben Gegenstand schreibt, und wäre es auch in Abständen von Jahren, so sagen sie: Ach, der schreibt immer dasselbe! Jetzt steht schon wieder etwas von der Kirschblüte drin!
Darum gehe ich nun schon über eine Woche lang täglich viermal an meinem alten Freund dem Hartrieglstrauch vorüber und beherrsche mich - jawohl, fies, gnädiges Fräulein - um nichts über ihn zu schreiben, weil ich weiß, daß die Leute sonst sagen würden: Schon wieder!
Aber jetzt ist es mir schon ganz egal, jetzt werden sie es so wie so sagen, und so tu ich meinen Gefühlen keinen Frack mehr an und widme mich meinem Freund Hartriegl rückhaltlos. Er hat mich mit seiner Sippe lang genug vorwurfsvoll angeschaut. Sei still, alte treue Seele, du sollst mit mir zufrieden sein.
Wir sind uns, nicht wahr, allgemein darüber einig, daß der Frühling die schönste Jahreszeit ist. Nicht an und für sich, per se, sondern per accidens, wie es in unserm Lehrbuch der Philosophie hieß, nämlich durch den Umstand, daß er einen so angenehmen unmittelbaren Gegensatz zum Winter bildet. Käme nach dem Winter gleich der Sommer und darnach der Frühling, so hätten die Dichter und die Liebenden für ihn nichts mehr übrig.
Also der Frühling.
Jegliches Ding tritt in unser Bewußtsein häufiger durch einen mittelbaren Anklang als durch unmittelbare Gegenwart.
Wir ahnen den Frühling, ehe wir ihn sehen, und wir sehen ihn, ehe wir ihn vollständig zu spüren bekommen.
Jeder sieht ihn in einem andern Symbol, einem andern Propheten, einem andern Johannes dem Täufer.
Mein Johannes der Täufer des Erlösers Frühling ist alljährlich der Hartrieglstrauch an meinem Stadtweg.
Du denkst noch nicht an Ostern und Hallelujah und Crocus und Veilchen, dann ist er schon da. Du siehst es von ferne wie ein grüngelbgetöntes Weihrauchwölkchen im stummen Gezweig hängen. Das ist der Hartrieglstrauch. Seine Blütenknöspchen sind noch wie winzige Stecknadelköpfe, noch unentfaltet, aber sie hauchen ihre Farbe aus, möchte man sagen, diese warme, junge, verheißungsvolle, funkelnagelneue Farbe, die schon ein heimliches Hohnlachen auf den Griesgram Winter ist. Ganz von weitem siehst Du sie schimmern, so sanft intensiv, so bescheiden vorlaut, daß Du hingehen mußt, um zu sehen, was denn das schon für ein neues Leben und Blühen ist. Und wie gesagt, Blüten sind es noch nicht, nur winzige Blütenknöspchen. Ein sonniger Tag, und sie entfalten sich, vier Flüglein tut jede Knospe auseinander, wie Türen eines Schatzkästleins, und vier Staubfädchen mit gelben Köpfchen stehen auf einmal da. Und der Schimmer von ferne wird immer wärmer, seine Folie ist bald nicht mehr die Wirrnis der graubraunen Zweige, die Hecken weben schon ihre zartgrünen Tüpfelschleier durch den Park und die Knospen der Kastanienbäume spiegeln schon die Märzsonne.
Aber mein Hartrieglstrauch hat wieder das Rennen gemacht, und das sei hier, wie alljährlich, wieder einmal wie rechtens registriert.