Mein Freund der Hartriegel ist auch noch anderweitig Lieferant. In der „Kölnischen Zeitung“ vom Dienstag, 29. März, läßt sich der Rheinische Dichter Leo Sternberg über ihn aus, derselbe, von dessen Vortrag im Wiesbadener Kurhaus kürzlich hier die Rede war. Er wird mir keine Klage wegen unbefugten Nachdrucks anhängen, wenn ich hier im Interesse des gemeinsamen Freundes zu dessen internationalem Renommee beitrage, indem ich den Lesern der „Luxemburger Zeitung“ unterbreite, was er über den Hartriegel Schönes zu sagen weiß. Er schreibt:
„Wenn das Schmelzwasser noch seenartig in den Ackerfurchen steht, obwohl die Goldtroddeln der Hasel schon im kahlen Gehölz hängen; wenn das fuchsrote Raschellaub der Buchenhecken noch nicht vom Sturm hinweggefegt ist, obwohl der Vogel Spitz-die-Schar schon neue Tonfolgen übt; wenn die Asche dürren. Gehälms und Gestäudes noch wie graue Straußenfedern auf den Brandstellen der Wiesen liegt, obwohl die Schwarzdornhecken schon beperlt sind mit dem Gekörn der kommenden Knospen; wenn die Waldberge noch grau und farblos das Tal umschweigen, obwohl das Gelächter des Spechts schon aus den durchsäulten Wölbungen hallt; wenn trotz des smaragden schwellenden Mooses, trotz des ersten grünen Hörnchens an den Doppelseilen des Geißblatts man der Frühlingsbereitschaft noch nicht glauben will, die in schläfrigem Märzwind uns umschmeichelt - dann gibt es einen Strauch, dessen Botschaft untrüglich ist.
„Kahl steht er am Waldrand. Doch von geflügelten Engelsköpfchen ist er umschwebt. So nannten wir als Kinder die noch in die Knospe geschlossenen Blütendolden, die jeden Zweig bekrönen, rechts und links von zwei spitz zusammengerollten Laubblättern beflügelt. Und brachen ein Stäbchen ab und trugen es wie ein Frühlingszepter vor uns her. Fast sieht es noch aus wie dürres Holz. Wir aber wissen: Wenn der Kornellenstrauch das Zepter mit dem silbergrauen Knaufe trägt, so sind die trüben Wolken nur noch ein dünner Schleier, und ein leichter Wind braucht nur zu wellen, so lichtet er sich auf, und die Welt ist blau. Mag es noch Winter scheinen; mag noch niemand den Keil der Wildgänse haben nach Norden ziehen sehen; mag noch nirgend Weidengoldhaar in den Lüften peitschen, noch nirgend vereinzelt eine Lerche steigen, noch kein Insekt sich in die blasse Mittagssonne wagen - die Frühlingsengelchen umflügeln den Strauch.
„Ach, bliebe doch das Knospenwunder! Viel zu schnell erfüllt sich seine Verheißung. Daß wir das Wachstum fesseln könnten! Viel zu schnell spannen faltig durchstielte Doldenschirme sich auf, in denen kein Engelsköpfchen mehr zu erkennen ist. Viel zu schnell entrollen sich derbe, gerippte Blätter, die nicht mehr an Flüglein erinnern. Nur ein Starres blieb dem entfalteten Strauch, als wenn noch die Zeiten des Knospens wären. Aber was ihm wohl anstand, als er noch Zepter zu tragen hatte, versöhnt uns nicht mit seiner belaubten Hölzernheit. Hartriegel heißt er. Das Wunder ist fort. Schlammbienen, Aasfliegen und Geschmeiß gleißt giftig auf weißen Doldenbeuteln.“